Philip Rosenthal in der Designgeschichte

Philip Rosenthal (1982), Bundesarchiv, B 145 Bild-F062779-0019, von Harald Hoffmann, CC-BY-SA de

Vor fast einem Jahrhundert wurde der Unternehmer, SPD-Politiker und Designenthusiast Philip Rosenthal (1916-2001) geboren. Rosenthal war eine der prägenden Persönlichkeiten in der Bundesrepublik. Neben seinen vielen Erfolgen als Vorstandsvorsitzender sowie später als Aufsichtsratsvorsitzender der väterlichen Rosenthal AG in Selb, war er ständig in den verschiedenen Medien präsent. Nicht umsonst wurde kolportiert, dass seine Initialen eben auch für Public Relations standen.

Für die bundesdeutsche Designgeschichte ist Philip Rosenthal trotz oder gerade wegen seiner verschiedenen Tätigkeitsfelder interessant. Jüngst hat Alexandra Siemen-Butz in ihrer Dissertation die Facetten Politik und Unternehmen in Rosenthals Leben herausgearbeitet. Eine dezidierte Analyse seines Engagements im Design fehlt derzeit noch. Diese Lücke werde ich mit einem Kapitel meiner Arbeit füllen. Rosenthal hatte dabei wegen seinen verschiedenen Positionen und

Tätigkeiten eine wichtige Rollen gespielt. Von 1968 bis 1977 war er Vizepräsident und dann von 1977 bis 1986 Präsident des Rats für Formgebung. Darüber hinaus gehörte er dem Vorstand des Gestaltkreises im BDI sowie des IDZ Berlin an und hatte beim Bauhaus-Archiv zeitweilig die Präsidentschaft inne. Gleichzeitig war Rosenthal bei vielen Designer_innen alles außer unumstritten. Seine Mitgliedschaft im Werkbund wurde ihm in Bayern, dem Bundesland seines Wohn- und Dienstortes, verwehrt. Der Werkbund Hessen nahm ihn jedoch auf, vermutlich da der Sitz des Rats für Formgebung in Darmstadt und damit in Hessen lag.

Eine Biographie zu Rosenthal mit einem dezidierten Schwerpunkt auf seine lebenslangen Tätigkeiten und sein Engagement für Design jedweder Art wäre ein faszinierendes Projekt. Rosenthals Leben als Erzählstrang wäre sicherlich möglich und für Leser dank großer Zusammenhänge sowie spannender Details ein Erfolg. Dass seine Biographie auch voller Anekdoten war, veranschaulicht beispielsweise das Radiofeature von Gabi Schlag oder ein Blick in Rosenthals lesenswertes Buch „Einmal Legionär“ von 1980 (Rezension im Spiegel 1981). Das „Vermächtnis des Porzellankönigs“ behütet heute seine ehemalige Lebensgefährtin Beate Reichel in Erkersreuth. Das Schloss ist nicht nur ein eindrucksvoller Wohnraum, wie die Wohnreportage des A&W-Magazines von 2009 zeigen. Eine Untersuchung dieses Domizils mit design- und auch kunsthistorischen Fragestellungen wäre aller Aufwand wert und würde Philip Rosenthal gerecht werden.

Plötzlich ist alles weg

Plötzlich ist alles weg, nichts ist ärgerlicher als das. Besonders trifft dies auf zentrale Institutionen zu. Aktueller Anlass ist meine Suche nach einer Quellenüberlieferung zum „Verband der Deutschen Industrie-Designer“ (VDID). Der Verband wurde 1959 von sieben westdeutschen Industriedesignern in Stuttgart gegründet. Er besteht bis heute, hat viele Mitglieder_innen und ist fest verankert in der bundesdeutschen Designlandschaft. Für die Designgeschichte in der Bundesrepublik, speziell für das Industriedesign, ist der VDID der zentrale Interessenverband. Er war und ist einer der wichtigen Orte, in dem über die Bedürfnisse, Anforderungen, Berufsbilder, Neuerungen und Zukunftsvisionen im Bereich Design diskutiert werden.

So groß die Bedeutung des VDID für eine designhistorische Forschung ist, so schwierig verhält sich sein Quellenkorpus, wobei hier wenigen literarischen und noch weniger archivalischen Überlieferungen entgegenstehen. Auf Bundesebene lassen sich zumindest über die Zeitschrift „form“, welche eine verbandsinterne Beilage des VDID enthielt, und die Zeitschrift „VDID-extra“ (ab 1972) die bedeutendste Entwicklung und Diskussion im Verband nachzeichnen. Hinzu kommen beispielsweise Kataloge zu Ausstellungen, bei denen der VDID bzw. eine VDID-Regionalgruppe mitwirkten, sowie die mehrfach publizierten „VDID Designer Porträts“ in den 1980er Jahren, welche viele Designer_innen des Verbands jeweils kurz vorstellten und öffentlich bekannt machen sollten. Ergänzt wird dies durch wenige historische Arbeiten, wie dies beispielsweise Christian Marquart „Industriekultur – Industriedesign“ 1994 tat. Verbandstypisch werden zu verschiedenen Jubiläen ebenfalls Beiträge publiziert, zuletzt zum 50-jährigen Bestehen des VDID. Diese in der Summe nicht gerade üppige Literatur zum Verband der Deutschen Industrie-Designer ist u.a. in der Bibliothek des Rats für Formgebung oder teilweise in der Neuen Sammlung München problemlos zugänglich. Bedauerlich bei diesem Ganzen ist hingegen eher das Fehlen wichtiger gedruckter Quellen. Pressemitteilungen, Flugblätter und Denkschriften lassen sich so gut wie gar nicht finden.

Wesentlich schlechter ist hingegen die Archivsituation zum VDID. Der Verband hat – meines Wissens – kein eigenes Archiv noch bei einem staatlichen Archiv bzw. einem Museum einen eigenen Bestand. Im Staatsarchiv Ludwigsburg, das einige Akten des Design Center Stuttgart besitzt, als auch im Stadtarchiv Stuttgart finden sich zum VDID höchstens Presseausschnittssammlungen. Auch private Nachlässe scheinen in diesem Punkt wenig weiterhelfen zu können. Im Bestand von Mia Seeger sind kaum Archivalien zur Geschichte des VDID auffindbar. Das Firmenarchiv von Robert Bosch bemüht sich bis jetzt – erfolglos – um Unterlagen, Objekte und Autographen des leider kürzlich verstorbenen Erich Slanys. Als Mitgründer des VDID und prägender Gestalter für Bosch könnte man hier am ehesten noch eine Parallelüberlieferung erwarten. Andere Nachlässe, die durch eine Parallelüberlieferung für die VDID-Historie sein könnten, bestehen bis jetzt noch nicht. Generell existiert eine systematische Sammlung zum VDID in Stuttgart – nach meinem derzeitigen Kenntnisstand – in Stuttgart nicht, obwohl der Verband ja in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gegründet und in das dortige Vereinsregister eingetragen wurde. Ob dieser Umstand über längere Zeit so bleibt, ist ungewiss. Für die Designgeschichte in der Bundesrepublik wäre es sicher schon heute wünschens- und erstrebenswert, diese „Quellenlücke“ zum Verband der Deutschen Industrie-Designer zu schließen.

Religion und Designgeschichte um 1945

Das Stichwort „Religion“ findet sich in den wenigsten Überblickswerken zur Designgeschichte des 20. Jahrhunderts. Einer der Gründe könnte sein, dass das Themenfeld „Religion“ deshalb meist stiefmütterlich behandelt wird, da es weder dem industriellen Design noch dem Kunsthandwerk eindeutig zugeordnet werden kann. Die Historisierung der Gestaltung sakraler Gebrauchsgegenstände des letzten Jahrhunderts könnte daher sowohl von Design- als auch von Kunst- und Kulturhistoriker_innen erforscht werden. In der Praxis passiert dies kaum, zumindest auf Seiten der Designgeschichte. Eine Auseinandersetzung mit religösen Aspekten kann jedoch für die designhistorische Forschung eine sinnvolle Bereicherung sein.

Ausstellung in der Landesvertretung Baden-Württemberg Bonn, 31.03.1966, Bundesarchiv B 145, Bild-F022125-0003, Photograph unbekannt, CC-BY-SA

Wenn in der designhistorischen Forschung in den letzten Jahren Religion thematisiert wurde, dann überwiegend in der Analyse des „Kunst-Diensts der evangelischen Kirche“ während der Weimarer Republik und dem „3. Reich“. In der wegweisenden Dissertation von Paul Betts (The Authority of Everyday Objects – A Cultural History of West German Industrial Design, Berkeley 2004) und in dem Überblickswerk von Sabine Zentek (Designer im Dritten Reich – Gute Formen sind eine Frage der richtigen Haltung, Dortmund 2009) finden sich beispielsweise zu diesem Dienst je ein Kapitel (S. 55-72 bzw. S. 185-188). Gegründet wurde der Kunst-Dienst 1928 zur Förderung der protestantischen Architektur und Gebrauchsgüter im sakralen Kontext. 1934 wurde der „Kunst-Dient der evangelischen Kirche“ dann in die Reichskammer der bildenden Künste eingegliedert. Zentrale Aufgaben in der Weimarer Republik waren kulturpolitischer Natur, wie beispielsweise die Organisation von Ausstellungen. Im Laufe der NS-Jahre kam es zu einer Umorientierung. Schwerpunkt war nun die Förderung des Kunsthandwerks und nicht mehr nur von religiösen Gebrauchsgegenständen. Die Arbeiten des Kunst-Diensts oszillierte zwischen sakralen Themenfelder und säkularen Gebrauchsgegenständen. Die Neugründungen der verschiedenen kirchlichen Kunstdienste nach 1945 widmen sich meist weniger einer sakralen Produktgestaltung sondern vielmehr der zeitgenössischen, kirchlichen Kunst und ihrer Förderung sowie Präsentation.

Der „Kunst-Dienst der evangelischen Kirche“ ist für mich aus einem anderen Grund spannend. Er ist ein interessantes Beispiel für Kontinuitäten über die „Stunde Null“, die 1945 so viele Zeitgenoss_innen postulierten. Die Personen, welche in den Designinstitutionen und -diskursen in der neugegründeten Bundesrepublik aktiv waren, sind wie die meisten ihrer Landsleute nicht in der Migration gegangen und hatten daher auch eine Vergangenheit aus der Zeit 1933-1945 in Deutschland. Bisher ist nie gefragt worden, welche Kontinuitäten es in den Tätigkeitsfeldern Industriedesign und Gebrauchsgüter gegeben hat. Beispielsweise war Gotthold Schneider (1899-1975) Gründungsmitglied des Kunst-Diensts, er machte später Karriere im Reichspropagandaministerium. 1952 gründete Schneider das „Institut für Neue Technische Form“, welches sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer wichtigen Designinstitution in der Bundesrepublik entwickelte und noch heute in Darmstadt zu finden ist. Eine andere Art der Fortsetzung des Kunst-Diensts ist beispielsweise die langjährige Geschäftsführerin des Rats für Formgebung Mia Seeger (1903-1991). Sie hatte 1955, 1956 und 1961 ein vielfältiges Ringbuch „Deutsche Warenkunde“ für den Deutschen Werkbund herausgegeben. Eine verblüffend ähnliche Publikation hatte aber schon Hugo Kükelhaus (1900-1984) im Jahr 1938 für den Kunst-Dienst herausgeben. Der Titel lautete ebenfalls „Deutsche Warenkunde“.[1] Inhaltlicher Aufbau, Abbildungen und Absichten der Publikationen ähneln sich derart, dass ein Zufall kaum möglich ist. Es ist noch vollkommen offen, wie und warum es dazu kam.
Bei beiden Beispielen ist unklar, welche Bedeutung der „Kunst-Dienst der evangelischen Kirche“ für die Zeit nach 1945 hat. Aber die Beispiele zeigen, dass das Einbeziehung von religösen Aspekten in designhistorische Fragen bereichernd sein kann.

[1] Danke an Herrn Prof. Dr. Erlhoff für diesen Hinweis.

Digitale Quellen zur deutschen Designgeschichte

Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Arbeitswerkzeugen sind heute in der Historiker-Zunft Grundvoraussetzungen für die eigenen Tätigkeiten. Die digitale Zugänglichkeit von Wissen, seien es Fachliteratur, Bildquellen oder audiovisuelle Dokumente, werden dabei ebenfalls zunehmend wichtiger. Die Ideen, Ansätze und auch Lösungen sind hierbei vielfältig, der Trend „alles online zu stellen“ verstetigt sich scheinbar. Viele spannende, wichtige und witzige Zugänge finden sich beispielsweise bei den Projekten dem Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte. Aber was hat die Designgeschichte davon und welche Möglichkeiten werden derzeit angeboten?

Designgeschichte fristet an der deutschen Universitäts- und Hochschullandschaft ein Schattendasein – beispielsweise im Vergleich zu Großbritannien. Verwunderlich ist es daher kaum, dass die Anzahl der digitalen Projekte zur deutschen Designgeschichte eher begrenzt sind. Trotz allem gibt es viele Ansätze, deren Ideen und Umsetzungen sicherlich gelungen sind. Einen dezidierten Quellenblog zur deutschen Designgeschichte, wie beispielsweise der Blog „Napoleon auf der Spur“, gibt es (derzeit) leider noch nicht.

Eine der wichtigsten Online-Präsentation zur bundesdeutschen Designgeschichte ist sicherlich www.frauen-hfg-ulm.de. Zusammen mit dem Buchprojekt „Frauen an der hfg ulm“ (2007) wurde unter der Leitung von Gerda Müller-Krauspe diese Internet-Domain entwickelt. Ziel ist es hier die Gründerin, Studentinnen, Mitarbeiterinnen und die sehr wenigen Dozentinnen der ehemaligen Hochschule für Gestaltung mit Kurzbiographien und Werkphotographien zu präsentieren. Ähnlich wie das Buch wird neben dem kollektivbiographischen Ansatz auch die Unterrichtsklasse an der HfG, wie beispielsweise „Produktgestaltung“ oder „Visuelle Kommunikation“, unter Aspekten der Geschlechter beschrieben. Einen anderen, ebenfalls vielversprechenden Weg wählte ein Team um Robert Lzicar an der Hochschule für Künste Bern. Unter mappingswissgraphicdesignhistory.ch wird die Geschichte des Schweizer Graphik-Designs mit Zeitstrahl zu Publikationen und Interviews von wichtigen Gestalter_innen präsentiert. Zwar befindet sich die Seite noch im Aufbau, was jetzt schon sichtbar ist, weiß zu überzeugen. Dieser eingeschlagene Weg bietet Potential für viele weitere Anwendungsbeispiele.

Für die tägliche Arbeit am eigenen Schreibtisch ist auch der Zugang zu digitalisierter Literatur, besonders von gedruckten Quellen, von unschätzbarem Vorteil. Die digitale Sammlung der Weimarer Bauhaus-Universität hat beispielsweise schon einige Zeitschriften und Buchpublikationen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht. Teilweise digitalisiert sind etwa auch einige Ausgaben der ostdeutschen Designzeitschrift „form + zweck“. Bedauerlicherweise ist das Online-Archiv der westdeutschen „form“ schon länger offline. Es bleibt zu hoffen, dass die Jahrgänge zwischen 1956 und 1990 dieser wichtigsten bundesdeutschen Designzeitschrift wieder online verfügbar sein werden. Die Zeitschrift „ulm“ der ehemaligen HfG Ulm wurde in einem Projekt von Gui Bonsiepe wieder digital zugänglich gemacht , wenn auch leider die einzelnen Beitrage durch fehlende Originalangaben wie Seitenzahlen nicht zitierbar sind.

Eine andere digitale Präsentation aus dem Umfeld der HfG Ulm ist der Vorlass von Nick Roericht. Das ganze Wirken von Roericht wird auf dieser Seite in Verbindung mit vielen Abbildungen und seiner eigenen Bibliothek präsentiert. Auf ähnliche Art und Weise werden beispielsweise die Ideen und Texte von Lucius Burckhardt auf www.lucius-burckhardt.org zugänglich gemacht. Die beiden Graphiker Gunter Rambow und Helmut Schmid stellen ebenfalls ihre Arbeiten und Entwürfe aus mehreren Jahrzehnten bereit. Eine dezidierte Bilddatenbanke zum Thema Design ist das „digitale design archiv“ aus Dessau, welches in das Bildarchiv für Forschung und Lehre „Prometheus“ integriert ist. Die private Fotosammlung von Günter Höhne mit über 1.500 Abbildungen zum Thema DDR-Design ebenfalls eine gute Adresse für das ostdeutsche Design zwischen 1945 und 1990.