Design und Kybernetik in Chile

„Aber was sollen wir mit all diesen Daten anfangen?“ (S. 69) lässt Sascha Reh einen Akteur in seinem neusten Buch „Gegen die Zeit“ fragen. In dem Roman von 2015 beschreibt er aus der Sicht des Designers „Hans Everding“ alias Gui Bonsiepe die Entwicklungen des chilenischen „proyecto cybersyn“ Anfang der 1970er Jahre. Während der Regierungszeit von Salvador Allende versuchte man durch kybernetische Lösungsansätze einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft zu suchen. Der Verband zur Produktionsförderung von Chile (Corporación para el Fomento de la Producción de Chile) versuchte hierfür Fabriken des südamerikanischen Landes mit einem Zentralcomputer in Stantiago de Chile zu verbinden. Die in der Hauptstadt eintreffenden „Echtzeitdaten“ sollten einerseits dabei helfen die chilenische Wirtschaft leistungsfähiger und effizienter zu organisieren. Gleichzeitig erhoffte man sich – für die damalige Zeit der „Planungs-Euphorie“ nicht untypisch – mit Hilfe dieser Vernetzung und kybernetischen „Kunst des Steuern“ die Zukunft aktiv zu gestalten und beispielsweise Hungernöte oder Wirtschaftskrisen schon vor Ausbruch verhindern zu können.

Die Aufgabe von Gui Bonsiepe war es dabei das Kontrollzentrum des „proyecto cybersyn“ zu gestalten. Da alle Informationen in einem Raum zusammenlaufen sollten, entwickelte er hierfür Wandelemente mit verschiedenen Bildschirmkomponenten, um alle Daten visuell präsentieren zu können – wie dies heute beispielsweise in Kontrollzentren üblich geworden ist. Die von Bonsiepe gestalteten Arbeitssitze

Eero Saarinen: „Pedestal“ Armchair and Seat Cushion, designed 1956; manufactured ca. 1970.This image was uploaded as a donation by the Brooklyn Museum to Wikipedia.

ähnelten dabei an Eero Saarinens Stühle für die Firma Knoll in den 1950er Jahren. In den drehbaren Sesseln waren Bedingungselemente eingelassen, um alle Entscheidungen von einem Platz aus an den Zentralrechner weitergeben zu können.

Der „Ulmer“ Gui Bonsiepe sah damals in dem „proyecto cybersyn“ die Möglichkeit mit Design die Gesellschaft zu verändern, wie es als Anspruch an der HfG Ulm entwickelt worden war. In Sascha Rehs Roman reflektierte dies „Hans Everding“ wiefolgt: „Für [die Abgeordenten der Unidad Popular] waren wir ein paar halbstarke Technokraten, die keine echte Aufgabe hatten, sondern höchstens eine selbsternannte Mission, für die sich bestenfalls andere halbstarke Technokraten interessierten.“ (S. 278). Über seine Erfahrungen und das turbulente Ende seiner Arbeit in Chile berichtete Bonsiepe 1974 in dem Buch „Design im Übergang zum Sozialismus: ein technisch-politischer Erfahrungsbericht aus dem Chile der Unidad Popular„. Die Frage, ob Design eine Gesellschaft verändern kann, bewegt Bonsiepe noch heute, wie ein Vortrag 2015 in Berlin zeigte.

Denn das Projekt „proyecto cybersyn“ endete gewaltsam am 11. September 1973. Der rechte General Pinochet putsche mit Hilfe der US-amerikanischen CIA gegen die gewählte, sozialistische Regierung von Salvador Allende und errichtete eine marktradikal-ausgerichtete Militärdiktatur.

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