Designgeschichte aus Afrika mit der Münchner Ausstellung „Flow of Forms/Forms of Flow“

Gegenwärtig zeigt eine Ausstellung in München aktuelle Designpraxen in Afrika. Designhistoriographische Rückblicke haben die Kuratorinnen ebenfalls eingebaut, auch wenn sie nicht den Schwerpunkt dieser Ausstellung bilden. Der Untertitel „Designgeschichten zwischen Afrika und Europa“ bezieht sich somit vielmehr auf der Kontextualisierung verschiedener Designobjekte der Gegenwart. Unter der Konzeption der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Kerstin Pinther und der Designerin Alexandra Weigand haben Studierende am Institut für Kunstgeschichte der LMU München diese Ausstellung verwirklicht. Ausgehend von einem zweisemestrigen Seminarprojekt beschäftigten sie sich mit der aktuellen Gestaltung auf dem afrikanischen Kontinent. Eine solche Lehrveranstaltung hat sicherlich viele Vorzüge für Studierende, da dadurch praktische Erfahrungen gesammelt und zugleich konkrete Umsetzungsfragen bearbeitet werden können.

Insgesamt vier Institutionen zeigen die Ausstellungsstationen von „Flow of Forms“: der Kunstraum, das Museum der fünf Kontinente, die Galerie Karin Wimmer und das Architekturmuseum der TU München. Man würde in diesem Zusammenhang auch die Neue Sammlung erwarten, die leider nicht dabei ist. Prominente Geldgeber wie die Kulturstiftung des Bundes, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und viele weitere haben die Finanzierung des Ausstellungsprojekts übernommen.

Die Ausstellung wird digital durch einen WordPress-Blog begleitet, auf dem die Studierenden im Laufe der Zeit verschiedene Texte zu den präsentierten Designobjekten veröffentlichen. Ebenfalls sehr gelungen sind die umfangreichen Broschüren als Ausstellungsbegleitung. Sowohl die graphische Gestaltung als auch vielfach die Texte selbst wissen zu überzeugen. Obwohl die englische Überschrift eine Mehrsprachigkeit suggeriert, ist die Ausstellung und das begleitende Textmaterial auf Deutsch.

 

„Formen der Kooperation/Partizipation“ im Kunstraum München

photo-05-02-17-14-23-56Die Station im Kunstraum widmet sich sozialen und politischen Dimensionen des Designs. Mit Victor Papanek beginnen die Kuratorinnen dabei ihre Darstellung von Do-it-yourself-Konzepte. Diese gängige DIY-Designgeschichtsschreibung erweitern sie durch einen Sprung in die Gegenwart. Mit Gestaltungsobjekten, die in Kooperation zwischen afrikanischen und europäischen Designern entstanden sind, verdeutlichen sie die Existenz verschiedener Formen der Design-Kooperationen in Afrika. Diese Projekte wirken vielfach wie Best-Practice-Beispiele für eine gelungene Verflechtungen zwischen Gestaltern und Architekten.

„Formen der Moderne“ im Museum der fünf Kontinente

photo-05-02-17-15-02-36Die Station im Museum der fünf Kontinente ist dominiert von der Reflektion über die eigene Institutionsgeschichte. Diese sehr gelungen Sektion thematisiert zuerst die Bedeutung von Formen aus Afrika (aber auch Ozeanien) für europäische Gestalter seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Anhand von eigenen Ausstellungen wird dann rekapituliert, welche Relevanz ethnographische bzw. „völkerkundliche“ Museen seit der Weimarer Republik bei der Vermittlung von Formen auf Afrika einnehmen. Mit Bespielen von aktuellen Arbeiten aus dem Graphik- und Textil-Design veranschaulichen dabei die Kuratorinnen, wie sich eine koloniale Vergangenheit in gegenwärtigen Gestaltungsprojekten wiederfindet.

„Stoff-Wechsel“ in der Galerie Karin Wimmer

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Photographie von Nino Nanobashvili

Bei der Ausstellungssektion in der Galerie Karin Wimmer befindet sich alles im Fluss oder – laut dem Begleittext – im „flow“. Hierbei stehen die Materialität und deren Neuanordnung von einzelnen Gestaltungsobjekten im Vordergrund. Unklar bleibt dabei, was unter „Stoff“ verstanden wird. Bezieht sich dies auf Textile oder doch jegliche Materialien? Analogien mit Stoffwechseln im biologischen Sinne bestehen zumindest nicht. Das Leitthema „Stoffwechsel“ lässt sich daher nur mit Mühen in den präsentierten Objekten wiederfinden. Inwiefern Stoffwechsel laut Textband ein Ausdruck für „Modernisierung, Demokratisierung, Nobilitierung und Reevaluierung [sind und auf] Materialinnovation und neue Fertigungstechniken sowie auf Entwurfspraktiken in einem globalen, transkontinentalen Kontext“ verweisen, war für mich persönlich wenig schlüssig und trug teilweise zur Verwirrung bei.

„Spekulative Formen“ und „Transform(N)ation“ im Architekturmuseum der TU München

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Photographie von Nino Nanobashvili

Das Architekturmuseum ist die einzige Institution, die gleich zwei Ausstellungsstationen – in einem verhältnismäßig kleinen Raum – zeigt. Mit „Transform(N)ation“ wird zuerst die Bedeutung von Design in den Jahren der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen thematisiert. Das Wortspiel „Transform(N)ation“ wirkt dabei zwar bemüht, aber die gezeigten Bespiele wie etwa eine Hotelarchitektur oder Zeitschriften veranschaulichen bildhaft die Bedeutung von Objektgestaltung bei einer Nationenbildung. In der Sektion „Spekulative Formen“ wird hingegen gezeigt, dass die Formgebung gängige Lösungen hinterfragen kann und zugleich die Macht besitzt, neue Wege aufzuzeigen. Das Solar Sinter Project von Markus Kayser transformiert etwa den vergleichsweise lebensfeindlichen Raum einer Wüste in eine resourcenreiche Umgebung mit einem beeindruckenden Ergebnis.

 

Die Ausstellung „ Flow of Forms/Forms of Flow – Designgeschichten zwischen Afrika und Europa“ in München ist eine beachtenswerte und erfolgreiche Ausstellung zur Gestaltung in Afrika. Sowohl das Format, die verschiedenen Stationen als auch die Texte sind den Kuratorinnen als auch den Studierenden sehr gelungen. Es ist daher bedauernswert, dass die Ausstellung nur insgesamt fünf Woche bis Mitte März 2017 zu sehen ist.

Für mich persönlich interessant war dabei, wie sehr aus einer kunsthistorischer Perspektive ,Design‘ präsentiert wird. Dieser etablierte Zugang hat viele Stärken und ermöglicht etwa einen sinnvollen Vergleich mit Objekte aus anderen kulturellen Kontexten. Unter Gestaltung wird dabei jedoch meist „Kunstgewerbe“ und Architektur verstanden. Die Produktgestaltung mit hohen Stückzahlen als auch Investitionsgüterdesign existiert vermeintlich nicht. ,Design‘ wird dadurch vielmehr mit dem Label „l’art pour l’art“ belegt und aus einem kommerziellen bzw. industriellen Kontext entnommen.

Wenn man Kritikpunkte in der Ausstellung suchen würde, dann wirkt der Kontinent bei der ganzen Vielfalt von afrikanischen Designgeschichten seltsam einheitlich. Afrika erscheint als relativ monolithischer Block ohne nennenswerte lokale oder nationale Spezifika. Eine Differenzierung der verschiedenen Regionen war zumindest für mich wenig ersichtlich. Möglicherweise ist diese Fragestellung aber auch für weitere Ausstellungsprojekte und hätte bei „Flow of Forms/Forms of Flow“ den inhaltlichen Rahmen gesprengt.

Daher kann ich insgesamt ein Besuch der fünf Ausstellungsstation nur weiterempfehlen!

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Visions of Sustainability in Design History

Gary Anderson and his original design of the recycling logo, by Gary Anderson, CC BY-SA 3.0

The term „sustainability“ has become increasingly importance in many social debates. Current design history research looks at the aspect of „sustainability“ as well. In mid-June this year, a workshop entitled „Environmental Histories of Design“  was organized by the Norwegian Professor Kjetil Fallan (University of Oslo) along with Finn Arne Jørgensen (Umeå University) at the Rachel Carson Centre at the Ludwig Maximilian University in Munich. A Norwegian research group has been working on aspects of sustainability in design history since 2014. The team, led by Kjetil Fallan, runs its own research blog: www.backtothesustainablefuture.net.

The aim of the workshop in Munich was to discuss previously disregarded historical ties of design and sustainability. The contributions can be grouped into two different approaches. Arguments were either object or discourse-oriented, while both approaches have their advantages. More relevant is what questions are being asked. I methodically pursued a discourse analysis approach, thus it was very exciting for me to see how international colleges work with discourse analyses on design topics. I will briefly introduce three examples and bring in some thought of mine.

The debates in West Germany about design and obsolescence were explored by the Wuppertal Professor Heike Weber. The aspect of a planned life cycle of objects is currently discussed controversially. From a design historical perspective, we know relatively little about this topic. Weber argued, rightly so, that the life cycles of consumer items in the 20th century must not have necessarily reduced. This simplistic story must be questioned critically. The importance of the designer can certainly provide information about the historical development in the field of obsolescence.

The Norwegian Ida Kamilla Lie (University of Oslo) presented first results of her PhD project (based on her master’s thesis), in which she dealt with Victor Papanek’s importance for Scandinavian design discourses. Papanek was active, from 1966 to 1970, in the Scandinavian Design Students Organization (SDO). Particularly important was the question of the social responsibility of designers to society. Lie pointed out,that Papanek played a key role for the former generation of buddying designers. At the same time, this example is a profound analysis of how design discourses were already globalised in the 1960s and 1970s and then rapidly and widely adopted.

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But what did the relationship of environmentalism and design mean in relation to the Federal Republic of Germany? I will try to discuss this shortly on the basis of published articles about environment and industrial design. The following graph shows the time distribution of published debate contributions, such as books, newspaper or magazine articles, which deal with „Umwelt“. This visualization of my literature database illustrates that the concept of environment was addressed from the 1960s to the 1990s onwards. Striking is the rapid increase from 1970 to 1972. A likely explanation could be the publication of Victor Papanek „Design for the Real World – Human Ecology and Social Change“ from 1971, as well as the publications of the Institut für Umweltplanung at Ulm (the successor of the Hochschule für Gestaltung Ulm). Papaneks book introduced the term “international environment” to the design discourse and experienced a varied reception.

Another interesting feature of this statistical distribution are the major differences between the years 1973-1974 and 1975-1976. The strong increase from 1973 to 1974 could be interpreted by the effects of the first oil crisis. This was a relevant development, which also affected the work of industrial designers. However, this shows that the environment was discussed by Papanek’s initiative in the Federal Republic until 1972. In the year 1973 significantly fewer players were published on aspects of the environment. This discussion is related again to the context of the oil price crisis of 1974.

The difference from 1975 to 1976 seems plausible if one considers that at the international ICSID Congress in Moscow 1975, the newly established Working Group „Environment and Design“ presented its results. The results of the ICSID working group were followed by a lot of West German Design, but not discussed further during the year 1976. Gabriele Oropallo (University of Oslo) deals with this aspect in his doctoral thesis. He presented parts of his research results at the above-mentioned workshop at the Rachel Carson Centre. Oropallos research will problematise and analyse the ICSID group, headed by GDR designer Martin Kelm. Remarkably, the contemporary understanding of the term environmental “Umwelt” is not congruent with the current meaning. Nevertheless this shift in meaning is also a big challenge for all researchers‘ in the history of design.