Ankündigung der Dissertationsveröffentlichung

Endlich ist es soweit. Meine Dissertation wird im Herbst 2018 im Transcript Verlag in deren Design-Reihe erscheinen:

Cover der Veröffentlichung, Bildrechte bei der Deutschen Fotothek/SLUB Dresden und graphische Gestaltung von F.-J. Grossmann

Advertisements

Designgeschichte aus Afrika mit der Münchner Ausstellung „Flow of Forms/Forms of Flow“

Gegenwärtig zeigt eine Ausstellung in München aktuelle Designpraxen in Afrika. Designhistoriographische Rückblicke haben die Kuratorinnen ebenfalls eingebaut, auch wenn sie nicht den Schwerpunkt dieser Ausstellung bilden. Der Untertitel „Designgeschichten zwischen Afrika und Europa“ bezieht sich somit vielmehr auf der Kontextualisierung verschiedener Designobjekte der Gegenwart. Unter der Konzeption der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Kerstin Pinther und der Designerin Alexandra Weigand haben Studierende am Institut für Kunstgeschichte der LMU München diese Ausstellung verwirklicht. Ausgehend von einem zweisemestrigen Seminarprojekt beschäftigten sie sich mit der aktuellen Gestaltung auf dem afrikanischen Kontinent. Eine solche Lehrveranstaltung hat sicherlich viele Vorzüge für Studierende, da dadurch praktische Erfahrungen gesammelt und zugleich konkrete Umsetzungsfragen bearbeitet werden können.

Insgesamt vier Institutionen zeigen die Ausstellungsstationen von „Flow of Forms“: der Kunstraum, das Museum der fünf Kontinente, die Galerie Karin Wimmer und das Architekturmuseum der TU München. Man würde in diesem Zusammenhang auch die Neue Sammlung erwarten, die leider nicht dabei ist. Prominente Geldgeber wie die Kulturstiftung des Bundes, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und viele weitere haben die Finanzierung des Ausstellungsprojekts übernommen.

Die Ausstellung wird digital durch einen WordPress-Blog begleitet, auf dem die Studierenden im Laufe der Zeit verschiedene Texte zu den präsentierten Designobjekten veröffentlichen. Ebenfalls sehr gelungen sind die umfangreichen Broschüren als Ausstellungsbegleitung. Sowohl die graphische Gestaltung als auch vielfach die Texte selbst wissen zu überzeugen. Obwohl die englische Überschrift eine Mehrsprachigkeit suggeriert, ist die Ausstellung und das begleitende Textmaterial auf Deutsch.

 

„Formen der Kooperation/Partizipation“ im Kunstraum München

photo-05-02-17-14-23-56Die Station im Kunstraum widmet sich sozialen und politischen Dimensionen des Designs. Mit Victor Papanek beginnen die Kuratorinnen dabei ihre Darstellung von Do-it-yourself-Konzepte. Diese gängige DIY-Designgeschichtsschreibung erweitern sie durch einen Sprung in die Gegenwart. Mit Gestaltungsobjekten, die in Kooperation zwischen afrikanischen und europäischen Designern entstanden sind, verdeutlichen sie die Existenz verschiedener Formen der Design-Kooperationen in Afrika. Diese Projekte wirken vielfach wie Best-Practice-Beispiele für eine gelungene Verflechtungen zwischen Gestaltern und Architekten.

„Formen der Moderne“ im Museum der fünf Kontinente

photo-05-02-17-15-02-36Die Station im Museum der fünf Kontinente ist dominiert von der Reflektion über die eigene Institutionsgeschichte. Diese sehr gelungen Sektion thematisiert zuerst die Bedeutung von Formen aus Afrika (aber auch Ozeanien) für europäische Gestalter seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Anhand von eigenen Ausstellungen wird dann rekapituliert, welche Relevanz ethnographische bzw. „völkerkundliche“ Museen seit der Weimarer Republik bei der Vermittlung von Formen auf Afrika einnehmen. Mit Bespielen von aktuellen Arbeiten aus dem Graphik- und Textil-Design veranschaulichen dabei die Kuratorinnen, wie sich eine koloniale Vergangenheit in gegenwärtigen Gestaltungsprojekten wiederfindet.

„Stoff-Wechsel“ in der Galerie Karin Wimmer

img_4758

Photographie von Nino Nanobashvili

Bei der Ausstellungssektion in der Galerie Karin Wimmer befindet sich alles im Fluss oder – laut dem Begleittext – im „flow“. Hierbei stehen die Materialität und deren Neuanordnung von einzelnen Gestaltungsobjekten im Vordergrund. Unklar bleibt dabei, was unter „Stoff“ verstanden wird. Bezieht sich dies auf Textile oder doch jegliche Materialien? Analogien mit Stoffwechseln im biologischen Sinne bestehen zumindest nicht. Das Leitthema „Stoffwechsel“ lässt sich daher nur mit Mühen in den präsentierten Objekten wiederfinden. Inwiefern Stoffwechsel laut Textband ein Ausdruck für „Modernisierung, Demokratisierung, Nobilitierung und Reevaluierung [sind und auf] Materialinnovation und neue Fertigungstechniken sowie auf Entwurfspraktiken in einem globalen, transkontinentalen Kontext“ verweisen, war für mich persönlich wenig schlüssig und trug teilweise zur Verwirrung bei.

„Spekulative Formen“ und „Transform(N)ation“ im Architekturmuseum der TU München

img_4759

Photographie von Nino Nanobashvili

Das Architekturmuseum ist die einzige Institution, die gleich zwei Ausstellungsstationen – in einem verhältnismäßig kleinen Raum – zeigt. Mit „Transform(N)ation“ wird zuerst die Bedeutung von Design in den Jahren der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen thematisiert. Das Wortspiel „Transform(N)ation“ wirkt dabei zwar bemüht, aber die gezeigten Bespiele wie etwa eine Hotelarchitektur oder Zeitschriften veranschaulichen bildhaft die Bedeutung von Objektgestaltung bei einer Nationenbildung. In der Sektion „Spekulative Formen“ wird hingegen gezeigt, dass die Formgebung gängige Lösungen hinterfragen kann und zugleich die Macht besitzt, neue Wege aufzuzeigen. Das Solar Sinter Project von Markus Kayser transformiert etwa den vergleichsweise lebensfeindlichen Raum einer Wüste in eine resourcenreiche Umgebung mit einem beeindruckenden Ergebnis.

 

Die Ausstellung „ Flow of Forms/Forms of Flow – Designgeschichten zwischen Afrika und Europa“ in München ist eine beachtenswerte und erfolgreiche Ausstellung zur Gestaltung in Afrika. Sowohl das Format, die verschiedenen Stationen als auch die Texte sind den Kuratorinnen als auch den Studierenden sehr gelungen. Es ist daher bedauernswert, dass die Ausstellung nur insgesamt fünf Woche bis Mitte März 2017 zu sehen ist.

Für mich persönlich interessant war dabei, wie sehr aus einer kunsthistorischer Perspektive ,Design‘ präsentiert wird. Dieser etablierte Zugang hat viele Stärken und ermöglicht etwa einen sinnvollen Vergleich mit Objekte aus anderen kulturellen Kontexten. Unter Gestaltung wird dabei jedoch meist „Kunstgewerbe“ und Architektur verstanden. Die Produktgestaltung mit hohen Stückzahlen als auch Investitionsgüterdesign existiert vermeintlich nicht. ,Design‘ wird dadurch vielmehr mit dem Label „l’art pour l’art“ belegt und aus einem kommerziellen bzw. industriellen Kontext entnommen.

Wenn man Kritikpunkte in der Ausstellung suchen würde, dann wirkt der Kontinent bei der ganzen Vielfalt von afrikanischen Designgeschichten seltsam einheitlich. Afrika erscheint als relativ monolithischer Block ohne nennenswerte lokale oder nationale Spezifika. Eine Differenzierung der verschiedenen Regionen war zumindest für mich wenig ersichtlich. Möglicherweise ist diese Fragestellung aber auch für weitere Ausstellungsprojekte und hätte bei „Flow of Forms/Forms of Flow“ den inhaltlichen Rahmen gesprengt.

Daher kann ich insgesamt ein Besuch der fünf Ausstellungsstation nur weiterempfehlen!

Zäsuren in der Designgeschichte

Das Jahr 1938 ist eine Zäsur in der Designgeschichte – zumindest aus der Sicht der Kuratoren des Museums für angewandte Kunst in Wien. Der „Anschluß“ Österreichs wird in der Dauerausstellung in Wien als das Ende einer Design-Periode verstanden. Mit dem Jahr 1938 endet das österreichische Design. Losgelöst von der Frage, ob der „Anschluß“ 1938 in allen Facetten eine Zäsur war, drängt sich eine gedankliche Auseinandersetzung mit Periodisierungen in der Designgeschichte mehr oder weniger auf.

Standardwerke zur Designgeschichte, beispielsweise von Victor Margolin oder Gert Selle, orientieren sich im 20. Jahrhundert überwiegend an politischen Zäsuren in ihren Darstellungen. Sowohl in Margolins „World History of Design“ als auch in Selles „Geschichte des Design in Deutschland“ bilden die beiden Weltkrieg die Ereignisse, welche das Design des 20. Jahrhundert periodisieren. Bei Selle wird darüber hinaus das Jahr 1968 – mit dem Ende der HfG Ulm und/oder mit der 68er-Bewebung – zur Zäsur. Wie im Wiener Beispiel werden meist politische oder gesellschaftliche Veränderungen als Beginn und Ende designhistorischer Periodisierungen gewählt.

In der deutschen Forschung zur Zeitgeschichte wird seit längerem über die verschiedenen zeitlichen Einteilungen diskutiert. Der von mir favorisierte Ansatz „Nach dem Boom“ betont beispielsweise, dass die 1970er und 1980er Jahre eine Zeit weitreichender soziokultureller Transformationen waren. Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene andere Angebote, Zäsuren im 20. Jahrhundert zu setzen, die ebenfalls ihre Berechtigungen haben. Etwas sarkastisch aber lesenswert hat dies Jürgen Kaube in seinem Essay „Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen“ zusammengefasst. Für moderne Zeithistoriker_innen ist es üblich über verschiedene Ansätze zur Periodisierung einer „Geschichte der unmittelbaren Gegenwart“ zu diskutieren.

In der aktuellen historischen Designforschung konnte ich – bis jetzt – in dieser Richtung wenig Debattenbeiträge finden. Obwohl sich meistens die Mühe lohnte, gängige Erzählungen einmal „gegen den Strich zu bürsten“, orientiert sich die Designgeschichtesschreibung in Deutschland überwiegend an den gängigen Zahlen: 1907 (Gründung des Werkbunds), 1914/1918 (1. Weltkrieg), 1933 (NS-„Machtergreifung“), 1945 („Stunde Null“), 1968 (Ende der HfG Ulm) und 1990 (dt.-dt. Wiedervereinigung).  Alle Jahresangaben können sicherlich als Zäsuren benutzt werden. Jedoch wäre es sicherlich ebenso spannend einmal zu verfolgen, wie dieselben Akteure hinewg über diese Epochen agierten. Periodisierungsversuche jenseits von politischen oder soziokulturellen Zäsuren, zugleich aber stärker orientiert an designimmanenten Entwicklungen, beispielsweise die Gründung des ICSID 1957 oder die Einführung des Farbfernsehens 1967, wären zwar zuerst eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung für die designhistorische Forschung.