Ernst Schneider: Ein Industrieller und Designförderer

Büstenportrait von Ernst Schneider im Schloss Lustheim

Ernst Schneider (06.10.1900-22.09.1977) war in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine der prägenden Figuren in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte. Am Anfang seines beruflichen Werdegangs wurde Schneider 1925 als promovierter Jurist Direktionsassistent bei der Kohlensäure-Industrie AG. Im Jahr 1932 wurde er Teilhaber des Konzerns, der seine Unternehmensaktivitäten in den pharmazeutisch-kosmetischen Bereich ausgebaut hatte. Nach der erzwungenen Emigration des Firmengründers aus Deutschland übernahm Schneider 1933 alle Firmenbeteiligungen seines ehemaligen, jüdischen Partners. Jedoch sollen beide ein geheimes Übereinkommen über die spätere Rückgabe der Anteile gehabt haben. Die noch heute existierende Mundwasser-Marke ,Odol‘ war dabei das bekannteste Produkt aus Schneiders Firmenkonglomerat.

Parallel zu seinen Tätigkeiten als sogenannter Industrieller war Schneider von 1949 bis 1968 Präsident der IHK zu Düsseldorf in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Von 1963 bis 1969 leitete er als Präsident den wichtigen Deutschen Industrie- und Handelstag. Zur Zeit der ersten großen Koalition im Bund war Schneider einer der zentralen Akteure bei wirtschaftspolitischen Themen. Da sein Wort in Bonn großes Gewicht hatten, war Schneider ein gern gesehener Gast bei Interviews oder Diskussionen in der damaligen, westdeutschen Presselandschaft.

1967 verlieh ihm die Landesregierung von Nordrhein- Westfalen einen Professorentitel und 1969 wurde er für seine Verdiente mit dem großen Bundesverdienstkreuz geehrt. Schneider war darüber hinaus ein passionierter Porzellansammler, sodass er beachtliche Stücke zur Geschichte des Meisner Porzellans erwerben konnte. Dieses Hobby und die

Bildrechte bei dem Bayerischen Nationalmuseum München, Lizenz: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)

Sammlung von zeitgenössischer Kunst pflegte er nach seinem Rücktritt 1969. Mit dem Freistaat Bayern kam er überein, dass er seine Sammlung als Dauerausstellung zum Porzellan dem Bayerischen Nationalmuseum übermachte. Diese ist noch heute in Lustheim beim Schloss Oberschleißheim der Öffentlichkeit zugänglich.

 

Obwohl Schneider kein Designer von Beruf war, ist er für die bundesdeutsche Designgeschichte dennoch von Bedeutung. Denn Schneider mehre wichtige Positionen inne hatte, so war er beispielsweise Gründungsmitglied und erster Vorsitzender des Gestaltkreises (1965-1977. Gleichzeitig leitete er als Präsident den Rat für Formgebung (1963- 1977) und war ebenso Mitgründer sowie Vorsitzender des IDZ Berlin (1969-1977) tätig. Neben diesen drei wichtigen Stellungen war Schneider darüber hinaus bei vielen Initiativen, beispielsweise zu Fragen der Designer-Ausbildung, beteiligt. Besonders half er mit seinen vorzüglichen Verbindungen in die Bundespolitik, dass Probleme der Gestalter in Bonn Ernst genommen wurden.

Grabstein von Ernst Schneider im Schloss Lustheim

Die Überlieferung an Quellen zu Ernst Schneider verteilt sich auf mehrere Archive, das Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv zu Köln bewahrt besonders viele Unterlagen von ihm aufbewahrt. Ob ein historisches Unternehmensarchiv von Schneiders Firmen ein Nachlass oder Ähnliches existiert, ist leider gegenwärtig nicht bekannt.

 

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Die Bibliothek des Rats für Formgebung für und in der Designgeschichte

img_7134Seit seiner Gründung 1951/52 war die Bibliothek für den Rat für Formgebung eine der zentralen Serviceeinrichtungen. Denn mit dem Gründungsbeschluss erhoffte sich der Bonner Bundestag eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit der westdeutschen Investitions- und Konsumprodukte. Gleichzeitig wurde die erste fachliche Leiterin Mia Seeger damit beauftragt, der sogenannten ,Guten Form‘ zum Durchbruch zu verhelfen und das gestalterischen Niveau in der noch jungen Bundesrepublik zu steigern. Die Bibliothek hatte hier die Aufgabe designspezifische Fachinformationen zur Verfügung zu stellen.

img_7062Der Bereich Bibliothek und Informationsservice in Darmstadt besaß für diese Aufgabe zwei wesentliche Funktionen. Ähnliche wie andere Bibliothek sollte internationale und nationale Fachliteratur aus dem Themenbereich Design systematisch gesammelt werden. Und gleichzeitig galt es diese zugänglich zu machen. Erstens geschah es in der üblichen Form, dass die Literatur als Präsenzbestand sortiert wurde und jedem Interessierten die Bibliothek offen stand. Besonders Studierende der nahen Werkkunstschule bzw. Fachhochschule Darmstadt nutzen dieses Angebot auf der Mathildenhöhe. Obwohl sich die Verantwortlichen beim Rat für Formgebung auch mehr Besucher aus der Industrie und anderen Designinstitutionen erhofften, kamen beispielsweise der überwiegende Anteil der ca. 600 Besucher 1975 von lokalen Bildungseinrichtungen.

© Rat für Formgebung/German Design Council

© Rat für Formgebung/German Design Council

Die zweite für eine Bibliothek weniger gängige Art der Informationszugänglichkeit waren die sogenannten Literaturhinweise bzw. die Design Bibliography. Die Mitarbeiter fertigten seit 1961 DIN-A-6 Karteikarten zu jeder Publikation an, welche vierteljährlich an Abonnenten – Privatpersonen aber auch Design-Institutionen – verschickt wurden. Als zusätzliches Hilfsmittel wurden die Karten mit Dezimalklassifikationen versehen und Indexlisten erleichterten dabei eine spätere Suche. Von 1966 bis 1975 bot der Rat für Formgebung seine Literaturhinweise als englischsprachige ,Design Bibliography‘ an.

© Rat für Formgebung/German Design Council

© Rat für Formgebung/German Design Council

Im Auftrag des Industriedesigner-Dachverbands war das sogenannte IIC (ICSID Information Center) für die Erstellung dieser internationalen Literaturkartei für ungefähr 1.000 Bezieher zuständig. Daneben unterhielt der Rat für Formgebung auch lange Zeit ein eigenes Dia- und Bildarchiv, welches besonders aus Produktphotographien bestand. Eine Designer-Kartei, in welcher sich alle Industriedesigner freiwillig eintragen konnte, sollte bei der Vermittlung von Aufträgen zwischen Designern und Industrie behilflich sein. Im Gegensatz zu den Literaturhinweisen wurde das eigene Bildarchiv und die Designer-Kartei vermutlich aufgrund von Personalknappheit seit Anfang der 1980er Jahre kaum noch gepflegt. Alle drei Serviceeinrichtungen bieten jedoch für eine bundesdeutsche Designgeschichte eine kaum zu überschätzende Quellenbasis. Zumal heute die Stiftung Deutsche Design-Museum den großen Verdienst hat, diese kostbaren Bestände systematisch und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Für zukünftige designhistorische Forschung bietet daher diese Sammlung viele neue Zugänge und Funde.

© Rat für Formgebung/German Design Council

© Rat für Formgebung/German Design Council

Die Sammlungstätigkeit im Bereich der gedruckten Literatur zeichnete sich auch dadurch aus, dass die Bibliothek des Rats für Formgebung im Kalten Krieg auch über die sogenannten Systemgrenzen hinweg Literatur bezogen. Zeitschriften wie das sowjetische Zentralorgan „Техническая Эстетика“ des Allunions Instituts für technische Ästhetik in Moskau oder die Zeitschrift „form + zweck“ des Ostdeutschen Amts für industrielle Formgebung wurden lückenlos in Darmstadt gesammelt. Daneben wurden etliche weitere Monographien, Kataloge oder Magazine aus Polen, Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei in die Bibliothek übernommen. Westliche Literatur aus Frankreich, Großbritannien, Italien oder den USA wurden ebenfalls vom Rat für Formgebung in die Bibliothek integriert. Ebenso bemühte sich der Vorstand des Rats bei der Geschwister-Scholl-Stiftung um die Übernahme der ehemaligen HfG Ulm-Bibliothek nach Darmstadt. Der Ulmer Oberbürgermeister entschied sich jedoch diese Bibliothek leihweise der Universität Ulm zur Verfügung zu stellen.1 Durch den sukzessiven Ankauf von Fachliteratur wuchs die Bibliothek des Rats für Formgebung im Laufe der Jahrzehnte zu der führenden Designbibliothek in der Bundesrepublik. So standen den Besuchern beispielsweise im Jahr 1987 ca. 4.500 Bücher, 140 Zeitschriften mit ungefähr 1.500 Jahrgängen und über 10.000 Literaturhinweise zur Verfügung.2

© Rat für Formgebung/German Design Council

© Rat für Formgebung/German Design Council

Nicht ganz ohne Selbstlob titelte daher die eigene Zeitschrift ,design report‘ schon Ende 1972, dass die Bibliothek des Rats für Formgebung als ein der „bestorganisiertesten Design-Bibliotheken der Welt“ galt und auf Empfehlung der UNESCO in die internationale Statistik für Fachbüchereien aufgenommen wurde.3 Und bis heute ist diese Bibliothek einer der zentralen Orte für die Recherche bezüglich der bundesdeutschen Designgeschichte. Mit der langjährigen Leiterin Helge Aszmoneit befindet sich die Bibliothek seit 1987 in äußerst kompetenten und zuvorkommenden Händen. Die dortige Hilfsbereitschaft und Arbeitsmöglichkeiten lassen diese Literatursammlung bei dem Frankfurter Messeturm zu einem kleinen designhistorischen Forschungszentrum werden. Sämtliche bibliographischen Angaben und Signaturen können über den Frankfurter Bibliotheksverbund online vorrecherchieren werden. Und da die U-Bahnanbindung zum Hauptbahnhof mit knappen 5 Minuten äußerst kurz ist, sind auch Anreisen außerhalb des Rhein-Main-Gebiets jederzeit ohne Probleme möglich. Bei Bedarf können die örtlichen Kopierangebote benutzt werden, schlichte Notizphotographien sind ebenfalls möglich. Ebenfalls für Forscher_innen nicht unerheblich ist die Verpflegungsmöglichkeiten vor Ort. Ein großes Einkaufszentrum, keine 5 Minuten zu Fuß entfernt, bietet eine breite kulinarische Auswahl, sodass auch diesbezüglich keine Wünsche offen bleiben.

© Rat für Formgebung/German Design Council

© Rat für Formgebung/German Design Council

Für jede_n Designhistoriker_in mit dem Forschungsschwerpunkt auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist daher ein Besuch in der Bibliothek des Rats für Formgebung eine große Bereicherung.

1) Protokoll zur Vorstandssitzung des Rats für Formgebung vom 12.7.1973, S. 6f.
2) Aszmoneit, Helge (1987): Die Design-Bibliothek im Rat für Formgebung, in: design report (1), S. 19.
3) Unbekannt (1972): Eine der besten Design-Bibliotheken der Welt, in: design report, vom 08.12.1972.

 

Vielen herzlichen Dank an den Rat für Formgebung und besonders Helge Aszmoneit für die Unterstützung und für die  Abbildungen.

Forschungsdaten für und von HistorikerInnen?

Das Wort „Forschungsdaten“ gewinnt zunehmend für WissenschaftlerInnen an Bedeutung. Gleichzeitig stehen HistorikerInnen der Frage nach eigenen Forschungsdaten immer vergleichsweise ratlos gegenüber, da die Geschichtswissenschaften natürlich keine Daten generiert, wie dies ein physikalisches Experiment am CERN mit Teilchenkollisionen hervorruft. Selbstverständlich sammeln auch HistorikerInnen viele verschiedene Daten, um ihre Thesen zu belegen. Zentral hierbei sind selbstverständlich jegliche Formen von Literatur. Zwar ist dies vordergründig nicht so spektakulär wie in anderen Wissenschaftsbereichen, aber für eine stark textbasierte Wissenschaft – wie die Geschichtswissenschaften häufig betrieben werden – ist dies durchaus naheliegend. Analysiert man – wie in meinem Fall – die zeitgenössischen Debatten der verschiedenen Akteure, so kommt rasch eine große Anzahl an Primärliteratur zusammen, die deutlich im vierstelligen Bereich liegt. Je nach Thematik und Arbeitsweise können diese Literaturangaben so umfangreich werden, dass man sie ohne ein Literaturverwaltungsprogramm kaum noch sinnvoll organisieren kann. Die gängigen drei Programme sind Zotero, Endnote und Citavi. Ich würde jeder/m HistorikerIn empfehlen sich gleich am Beginn eines Forschungsprojekts mit einem Literaturverwaltungsprogramm vertraut zu machen und dies für seine folgende Arbeit zu benutzen und regelmäßig zu pflegen. Die verschiedenen Vorteile liegen auf der Hand, jedoch muss am Anfang etwas Zeit investiert werden, die jedoch sinnvoll eingesetzt ist.

Ein Beispiel, an welchem ich kurz die Funktionsweise einer Literaturdatenbank veranschaulichen werde, ist ein vielzitierter Artikel von Philip Rosenthal, in dem er die zunehmende Bedeutung von Design für den Alltag thematisiert. In der Datenbank ist für jede bibliographische Angabe ein vorgeschriebenes Feld definiert, in welchem die spezifischen Informationen zu diesem Zeitschriftenartikel – von mir – eingetragen wurden. Exportiert man diese Daten zum Text von Rosenthal in einem maschinenlesbaren Format, wie beispielsweise XML, so bekommt man (verkürzt dargestellt) folgenden Datensatz.

<Reference_Start>
<2>Newspaper Article<2/>
<3>Philip Rosenthal<3/>
<4>1965</4>
<5>Brandrede gegen die Atomisierung des Design</5>
<6>zeitgemäße form in der Süddeutschen Zeitung</6>
<17>25.11.1965</17>
<Reference_End>

Zwischen dem Beginn und dem Ende des Datensatzes werden insgesamt 6 Angaben gemacht, durch welche der Zeitungsartikel in einer Bibliographie dargestellt werden kann. Jedes imaginäres Feld der Literaturdatenbank ist dabei durch „<> “ gekennzeichnet. Die Angaben 3-6 und 17 beziehen sich dabei auf Autor, Veröffentlichungsjahr, Artikeltitel, Zeitungsartikel und genaues Veröffentlichungsdatum. In dem Feld Nr. 2 ist beschrieben, welche Form von Literaturangabe es sich hier handelt. Anhand meiner selbstgeschriebenen Endnote-Ausgabedatei wird über diesen Referenztypen zugeordnet, welche Felder dieses Datensatzes in eine spezifische Form und Reihung gebracht werden. Schlussendlich erscheint der Rosenthal-Artikel in der folgenden Form in meiner Bibliographie:

Rosenthal, Philip (1965): Brandrede gegen die Atomisierung des Design, in: zeitgemäße form in der Süddeutschen Zeitung, vom 25.11.1965.

Hier stehen zwei Dokumente zum Download bereit, die beide ursprünglich aus den gleichen Literaturdatensätzen generiert wurde. Es handelt sich hierbei um alle Beiträge (insgesamt 170) der Sonderbeilage „zeitgemäße form der Süddeutschen Zeitung“ zwischen 1964 und 1990, die sich mit Industriedesign im weiteren Umfeld beschäftigen. Das erste Dokument ist maschinenlesbar bzw. wie im Beispiel 1 aufgebaut. Diese .odt-Datei könnte in eine Literaturdatenbank immigriert werden. Das zweite Dokument ist eine fertige Bibliographie als .odt-Datei und gibt die Zeitungsartikel wie in Beispiel 2 wieder.

Die Beilage „zeigemäße form“ als Quelle für eine bundesdeutsche Designgeschichte

Eine wichtige Quelle für die bundesdeutsche Designgeschichte zwischen den 1960er und 1980er Jahren ist die Beilage „zeitgemäße form“ der Süddeutschen Zeitung. Zwischen ca. 1963 und 1989 erschien die „zeitgemäße form“ zwar unregelmäßig, aber ungefähr jeden zweiten Monat. Geleitet wurde diese Beilage von Johann Klöcker (1908-1995). Er befand sich dabei in einer nicht beneidenswerten Lage: Der redaktionelle Raum, der ihm vom Verlag zur Verfügung gestellt wured, richtete sich naturgemäß nach dem Anzeigenaufkommen.

Dieses vermeintliche Manko führte jedoch dazu, dass die Bandbreite der behandelten Design-Themen äußerst vielfältig und zugleich tiefgründig war. Schon rein optisch hebt sich die „zeitgemäße form“ in ihrer Typographie von dem Rest der Zeitung ab. Klöcker und seine Autor_innen profitierten davon, dass Ihre Beiträge nicht im Feuilleton-Teil der Süddeutschen erschienen. Auf diese Weise konnten sie zu aktuelle Design-Debatten Stellung beziehen oder beispielsweise von der Messe in Hannover berichten.

Die jeweilige Beilage hatte meist einen inhaltlichen Schwerpunkt. Hierbei lassen sich ungefähr drei Großgruppen an Beiträgen ausmachen: 1. Fragen der Designer-Zunft, wie die „Designer-Ausbildungskrise“, Entwicklungen im Rat für Formgebung oder beim VDID, die Verleihung des Bundespreises „Gute Form“ oder ICSID-Kongresse, standen im Vordergrund. 2. Neue Konsumprodukte mit einem hohen Anspruch an Design fanden bei der „zeitgemäßen form“ regelmäßig eine Plattform. Beispielsweise wurde meist vor Weihnachten in einer Ausgabe die neuesten Konsumporzellane oder Möbelstücke besprochen. 3. Daneben wurden neue Technik oder Designkonzepte präsentiert. Diskussionen über Computer Aided Design, Design-Management oder Kunststoffe in der Produktgestaltung wurden nicht nur in der form geführt, sondern auch in der „zeitgemäßen form“.

Seit 1975 wurden die beiden Beilagen „zeitgemäße form“ und „zeitgemäße technik“ unter der Ägide von Klöcker zusammengefasst. Dies führte zu einer stärkeren Verschränkung von Design- und Technikfragen seit den 1980er Jahren. Bald danach zog sich Klöcker zurück und übergab die Leitung der „zeitgemäßen form“ an Peter Horn. Ende der 1980er Jahre wurde die Beilage aus unbekannten Gründen bedauerlicherweise eingestellt. Neben den regelmäßigen Beiträgen von Arianna Giachi in der FAZ und von Elke Trappschuh im Handelsblatt war die „zeitgemäße form“ der zentrale Ort für eine Designberichterstattung in einer bundesdeutschen Tageszeitung.

Der Werkbund nach 1968

Sonderbriefmarke “100 Jahre Deutscher Werkbund” mit einem Plakat zur Werkbundausstellung »Die Form« 1924 von Richard Herre*. Diese Briefmarke wurde von der Deutschen Post AG im Auftrage des BMF verausgabt. Somit ist sie nach § 5 Abs. 1 UrhG ein amtliches Werk und damit gemeinfrei.

Der Deutsche Werkbund ist, neben dem Bauhaus und der Hochschule für Gestaltung, eine der prägendsten Institutionen in der deutschen Designgeschichte des 20. Jahrhunderts gewesen. Nach der NS-Diktatur wurden die Landeswerkbünde in den westlichen drei Besatzungszonen wieder gegründet. Bis in die 1960er war der Deutsche Werkbund an vielen Diskussionen im Design, sowohl im Konsum- als auch im Investitionsgüterbereich, während der Wiederaufbauphase in der Bundesrepublik beteiligt.

Die designhistorische Forschung zum Werkbund verteilt sich ungleichmäßig über das 20. Jahrhundert. Die Gründungsphase im Kaiserreich, das Handeln der Werkbündler in der Weimarer Republik und der Anteil am Wiederaufbau sind noch gut erforscht. Die Zeit des Werkbunds bis 1968 fehlt in keinem Überblickswerk, das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts erscheint im Vergleich dazu vielmehr als ein terra incognita. Die Vermutung, dass die unmittelbare Vergangenheit seltener Thema der historischen Forschung wird, greift meiner Meinung hier zu kurz. Vielmehr erscheint mir plausibel, dass diese „Lücke“ auf ein Quellenproblem zurückzuführen ist.

Das Quellenproblem zum Deutschen Werkbund entsteht vermutlich durch den Umzug der Geschäftsstelle. Im Frühjahr 1972 zog das Generalsekretariat des Deutschen Werkbunds von West-Berlin nach Darmstadt – wo damals auch der Rat für Formgebung und heute noch das Institut für Neue Technische Form waren. Die Archivalien zur Geschichte des Werkbunds vor 1972 verblieben in Berlin und sind auch noch heute im Werkbund-Archiv zugänglich. Im November 1986 erfolgte ein weiterer Umzug – ähnlich wie der Rat für Formgebung – nach Frankfurt am Main. Aus der „Darmstädter Zeit“ sind vergleichsweise wenige Unterlagen, Protokolle, Korrespondenzen und Rundschreiben überliefert. Eine historische Analyse auf Grund dieser Quellenlage ist aufwendig und schwierig. Ob eine Parallelüberlieferung existiert, ist nicht klar.

Mit etwas Glück könnte dabei die Struktur des Deutschen Werkbundes helfen. Einer der ersten Landeswerkbünde gründete sich 1947 in Bayern und dieser ist formal als Deutscher Werkbund Bayern e.V. unabhängig. In der Münchner Seidlvilla haben viele Unterlagen die Jahrzehnte seit 1947 „auf dem Dachboden“ überstanden. Viele dieser Akten wurden an das Archiv des Instituts für Zeitgeschichte abgegeben und werden dort nun erschlossen. Wann dieser Bestand zugänglich sein wird, ist jedoch noch nicht klar. Ob sich eine Parallelüberlieferung zum Deutschen Werkbund in München finden lässt, kann frühestens im Sommer 2016 geklärt werden.

Sound & Film History – Erfahrungen mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkarchiven

Seit Anfang 2014 und nach längeren Verhandlungen ist der Zugang für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkarchive einheitlich geregelt. Besonders für Recherchen in der Zeitgeschichte sind audiovisuelle Aufnahmen eine relevanter Quellengruppe, die neben „Papier“ helfen können, Aussagen über die Vergangenheit zu formulieren. Zugang zu alten Sendungen und Sendemanuskripten kann jeder erhalten, der an einem wissenschaftlichen Projekt – besonders einer Dissertation – arbeitet und der diesbezüglich auf historische Quellen angewiesen ist (Regeln). Die jeweiligen Ansprechpartner_innen der Sendeanstalten sind in einem .pdf-Dokumenten online einsehbar.

Symbolbild, aufgenommen von Dennis Skley am 29.07.2014, CC BY-ND 2.0

Wie bei allen Archiven sollte bzw. muss man vorab einen schriftlichen Antrag stellen, in dem das eigene Forschungsprojekt erläutert wird. Hinzu kommt die eigene Fragestellung, welche audiovisuelle Quellen man sich erhoffen könnte bzw. welche Schlagwörter für das Projekt interessant sind. Beispielweise finden sich in vielen Sendedatenbanken Beiträge zu dem für mich relevanten Rat für Formgebung oder dem Deutschen Werkbund. Je nach Personal- und Finanzressourcen sind Teilbestände der Rundfunkanstalten schon digitalisiert. Leif Kramp hat jüngst dazu eine gute Einschätzung der Situation sowie eine Übersicht zu den verschiedenen Programmanstalten geliefert. Es besteht gelegentlich die Chance, dass eine digitale Kopie einer Sendung oder einer Mitschrift spezifisch nur für das eigene Forschungsprojekt zur Verfügung gestellt wird. Falls eine digitale Archivierung nicht vorliegt, ist meist die Recherche vor Ort möglich. Eine Sendungskopie kann man ebenso erstellen lassen, dies ist jedoch vergleichsweise kostspielig und für Nachwuchswissenschaftler daher – leider – kaum möglich. Meine Erfahrungen mit den Rundfunkarchiven und der Benutzerberatung sind bis jetzt überwiegend positiv. Schlechte Erfahrungen habe ich dankenswerterweise bis jetzt, wie auch bei anderen Archiven, – außer in NRW – nicht machen müssen.

Es muss jedoch nicht immer ein Rundfunkarchiv sein, auch die Filmothek des Bundesarchivs besitzt viele Sendungsmitschnitte aus Kinowochenschauen oder Auftragsproduktionen des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung. Dies hier ist beispielsweise ein Beitrag der Ufa-Wochenschau zum Bundespreis „Gute Form“ 1973 mit dem Thema Fahrräder (ab 06:53 min oder Frame 4).
Welche spannenden Forschungsarbeiten beispielsweise im Bereich Sound History entstehen können und online besser publiziert sind als gedruckt, zeigt beispielsweise Uta C. Schmidt, die Industriegeschichte im Ruhrgebiet hörbar macht.

Archiverfahrungen zu dem neuen BASF-Unternehmensarchiv

„Es fällt immer wieder schwer, die Bedeutung der BASF AG als größten europäischen Kunststofferzeuger anhand von praktischen Beispielen eindrucksvoll zu demonstrieren.“ Dieser Auszug aus einem Protokoll der BASF-Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit aus dem Jahr 1969 kann verdeutlichen, weshalb Design für die BASF AG seit Anfang der 1960er zunehmend an Bedeutung gewann. Man versuchte durch Design zwei Punkte zu erreichen: 1.) sollte das eigene Unternehmen nicht mehr als reiner „Rohstoffladen“ verstanden werden, sondern auch durch konkrete Gebrauchsgegenstände in die Gesellschaft hinein wirken. 2.) wurde beabsichtigt durch Design weitere Absatzmöglichkeiten für die eigenen Kunststoffrohprodukte zu erschließen. Diese beiden Punkte werde ich in einem Teilkapitel meiner Doktorarbeit herausarbeiten.

BASF-Besucherzentrum vor dem 2013ff abgerissene BASF-Hochhaus am Tor 2, von Gewetz vom 27. August 2004, GNU-Freie Dokumentationslizenz

Für die Recherche vor Ort bin ich Mitte August in historischen Unternehmensarchiv der BASF AG in Ludwigshafen gefahren. Das BASF-Besucherzentrum am Tor 2 wurde die letzten Jahre aufwendig umgebaut, um ein Museum sowie das Unternehmensarchiv in einem Gebäude zu vereinen. Rechtzeitig zur 150-Jahr-Feier der BASF AG konnte Anfang 2015 der Umzug in das neue Besucherzentrum stattfinden.

Der Umbau des BASF-Besucherzentrums ist wirklich gelungen. Das ganze Gebäude ist auf der einen Seite funktional eingerichtet, zugleich wurde Rücksicht auf die Originalsubstanz des ehemaligen Badehauses für BASF-Mitarbeiter genommen. Der Museumsbereich befindet sich im vorderen Teil des Besucherzentrums, das Unternehmensarchiv im hinteren Teil. Die Räumlichkeiten werden allen Ansprüchen an ein historisches Archiv gerecht. Der Lesesaal für Besucher_innen ist groß, hell, leise und zugleich angenehm temperiert – was leider keine Selbstverständlichkeit bei Archiven ist. Die Arbeitsplätze sind genügend mit Strom- und USB-Buchsen ausgestattet, die Stühle sind zugleich sehr komfortabel. Das Interior des Lesesaals besteht nahezu vollständig aus Vitra-Design. Dies hat mir gezeigt, dass Design auch heute noch für die BASF eine Rolle spielt. Zwei rote Egg Chairs von Fritz Hansen mit einem Beistelltisch runden den Raum als kleine Leseecke gelungen ab.

Lesesaal des BASF-Unternehmensarchivs

Das Archiv selbst besteht aus ca. 3 Kilometer Akten, die nach dem Pertinenzprinzip (thematische Sortierung) aufbewahrt werden. Hinzu kommen noch ca. 30.000 Photographien, 1.500 Gegenstände und eine kleine Sammlung historischer Gemälde. Teile dieser Sammlung lassen sich durch ein Schaufenster von dem Lesesaal aus einsehen. Durch dieses Wechselspiel kann jede_r Besuche_r rasch erahnen, wie reichhaltig die Bestände des Unternehmensarchivs sind. Die Mitarbeiter_innen des Archivs sind jederzeit hilfsbereit und zuvorkommend. Ich fühlte mich bei jedem meiner Besuche durch die dortigen Archivar_innen gut betreut. Größtes Manko ist sicherlich, dass das Unternehmensarchiv kein Findbuch oder eine zugängliche Datenbank besitzt. Die relevanten Archivalien lassen sich daher nur ungefähr über eine grobe Klassifikationsliste einschränken. Im Endeffekt ist man auf die Kenntnisse des Archivpersonals angewiesen, welches mit aber jedes mal mit Geduld und Sachverstand helfen konnte. Wie auf dem ganzen BASF-Werksgelände herrscht auch in dem Unternehmensarchiv ein striktes Photographierverbot.

Die Verpflegungssituation auf dem Werksgelände ist für Besucher_innen etwas eingeschränkt, aber ebenfalls im Besucherzentrum finden sich eine große Bäckerei mit einem reichhaltigen Angebot, das für jede_n etwas bereithalten sollte. Die Anfahrt zum Archiv ist leicht zu finden über das Tor 2 der BASF AG. Dieses ist von der S-Bahnstationen Ludwigshafen Mitte per Straßenbahn gut zu erreichen. Die Linie 7 fährt von dem Berliner Platz – der ein schwieriges bzw. gefährliches „Pflaster“ ist – in Richtung Oppau und hält direkt am Tor 2. Es ist notwendig, dass man sich als Besucher_in frühzeitig um einen Besuchstermin im Archiv bemüht, denn das Unternehmensarchiv selbst ist nicht öffentlich zugänglich. Leider besitzt das Archiv keine eigene Homepage oder Rubrik auf der BASF-Hauptseite, daher kann ich nur auf aktuelle Informationen auf dem Portal der Wirtschaftsarchive verweisen.
Als kleines Fazit kann ich einen Besuch im BASF-Unternehmensarchiv ohne Einschränkungen empfehlen. Speziell für Wirtschaftshistoriker_innen liegen hier sicherlich noch Schätze, die es zu bergen gilt.

[Danke an das BASF-Unternehmensarchiv für die Photographie-Genehmigung des Lesesaals.]