Die erste Münchner Summerschool „Digital Humanities“

Letzte Woche konnte ich an der Summerschool „Digital Humanities“ in München teilnehmen. Die Veranstaltung wurde von dem Arbeitskreis Digital Humanities Munich, dem Zentrum für Digitale Geisteswissenschaften der BSB München und dem Kompetenzverbund Historische Forschung München durchgeführt. Federführend waren hierbei besonders das Referat Digitalisierung der Bayerische Akademie der Wissenschaften – speziell Dr. Eckhart Arnold – und IT-Gruppe Geisteswissenschaften an der LMU. Die Summerschool fand vom 27. bis 31. Juli in den Räumen der LMU-Universitätsbibliothek statt.

Analyse dieses Beitrag durch Voyant Tools

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Laut Ausschreibungstext war es das Ziel der „Münchner Summerschool ‚Digital Humanities‘ [einen Einblick zu geben] in die Computerwerkzeuge und -methoden, die in unterschiedlichen Forschungsstadien zum Einsatz kommen können“.[1] Soviel sei schon vorweg verraten, dieser Anspruch konnte voll erfüllt werden. Während dieser intensiven Woche gelang es allen Referent_innen die verschiedenen Aspekte, Arbeitsmöglichkeiten und Anwendungsbereiche spannend sowie anschaulich zu präsentieren. Der Stundenplan war dicht gefüllt und versprach Ausflüge in viele interessante Themengebiete. Sinnvoll war dabei die Programmverteilung, nämlich morgens Theorie und nachmittags Praxis. Der Twitter-Hashtag zur der Tagung (den ich benutzte) war #dhmuc.

Den ersten Tag eröffnete Dr. Eckart Arnold (BAdW) und fragte zugleich, was „Digital Humanities“ sind – und was wiederum nicht. Er verstand dabei die digitalen Geisteswissenschaften als den Einsatz von Computern und Internettechniken für die Forschung zwecks 1. Recherche und Sammlung, 2. Auswertung und 3. Veröffentlichung. Mit seinen einleitenden Worten gelang es Arnold eine gemeinsame Basis für die Summerschool im Bezug auf Digital Humanities zu legen. Dr. Lilian Landes (BSB München) wiederum reflektierte anhand ihres eigenen Werdegangs über das Berufsfeld der Digital Humanities. Ihre Hinweise und Gedanken zum diesem neuen Arbeitsgebiet gewann besonders deshalb an Plausibilität, da es ihr gelang Entwicklungen, Ansprüche und Anforderungen aus eigener Erfahrung zu schildern. Anstatt auf einer abstrakten Metaebene über schlechte Jobaussichten in den Geisteswissenschaften zu philosophieren, waren ihre Ausführungen zum Berufsfeld der Digital Humanities ermunternd und zugleich auch auffordernd im Bereich der Qualifizierung von IT-Kenntnisse. Persönlich hat mich dies dazu animiert, in Zukunft Kompetenzen im Bereich der Informationstechnologien zu entwickeln, um an der Schnittstelle Geisteswissenschaften und Informatik kompetenter agieren zu können.

Der zweite Tage begann mit zwei Einführungen in html&CSS von Dr. Eckart Arnold sowie in Relationale Datenbanken von Dr. Stephan Lücke (LMU – IT-Gruppe Geisteswissenschaften). Beiden Referenten gelang es ihr Wissen einer vermeintlich „trockenen“ Materie mit viel Hingabe vermitteln. Die Hemmschwelle, sich mit html&CSS oder Datenbanken zu beschäftigten, wurde dadurch merklich gesenkt. Arnold und Lücke brachten es zugleich fertig auf das Vorwissen aller Teilnehmer_innen – das sehr rudimentär war – geschickt einzugehen. Erfolgserlebnisse waren garantiert. Danach erschien keines der beiden Themen mehr als „Geheimwissen“. Vielmehr machten erste Einblick in die Materie Lust auf mehr.

Der dritten Tag begann mit dem Versuch XML als „die lingua francia der Digital Humanities“ vorzustellen. Nach der zweiten Sitzung von Lücke zu „Relationalen Datenbanken“ präsentierten Prof. Dr. Christian Wolff und Dr. Manuel Burghardt „Textwerkzeuge und ihr Einsatz in den digitalen Geisteswissenschaften“. Sowohl ihre Folien als auch die Arbeitsbeispiele sind in einem eigenen WordPress-Blog sehr anschaulich dokumentiert. In dem praktischen Teil der Präsentation stellte Burghardt den Teilnehmer_innen der Summerschool das Voyant Tools vor. Dabei wurde der Text von Kafka auf häufig verwendete Wörter und Wortarten analyisiert. Diese sehr gelungene Sitzung zeigte eindrucksvoll, welche Web-Werkzeuge schon jetzt zur Verfügung stehen und eigentlich nur darauf warten von Geisteswissenschaftler_innen benutzt zu werden. Den Tag beendeten zwei spannende Projektpräsentationen von Manuel Raaf zum ostfränkischen Wörterbuch sowie von Stefan Müller zur Ptolemäischen Edition an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Am vierten Tag stellte Georg Hohmann vom Deutschen Museum in München das Semantic Web vor. Kerngedanke desSemantic Webs ist es Daten, welche für Maschinen vordergründig unstrukturiert sind, mit zusätzlichen Informationen zu ergänzen, um daraus ein gigantischen globalen Graphen entwickeln zu können. Mit dem RDF-Standard lässt sich beispielsweise das Ziel eines Hyperlinks, z.B. eine Webseite, spezifizieren. Damit soll dieser maschinenlesbar explizieren, dass sich hinter dieser Adresse http://www.w3.org/standards/semanticweb/ die offizielle Webseite desSemantic Webs verbirgt. Im Anschluss gab ManuelRaaf einen Einblick in die Informatik von „relativen Ausdrücken„. Ziel ist es bei diesem Zugang Zeichenketten mit Hilfe syntaktischer Regeln bedienen zu können. Beispielsweise wird es dadurch möglich in einem Word-Textdokument alle Überschriften-Elemente beispielsweise mit <h1> usw. für eine html-Transformation vorzubereiten. Im Vergleich zur simplen „Suchen&Ersetzen“-Funktion aller Office-Programme bieten reguläre Ausdrücke noch viel mehr Möglichkeiten der Textsuche und -bearbeitung. Am Nachmittag wurde die Summerschool nach Garching zum Leibniz-Rechenzentrum eingeladen. Die dortigen Führungen durch das LRZ, speziell durch den SuperMUC, sowie 3D-Demonstrationen zeigten auf eindrucksvolle Weise welche IT-Infrastruktur in Garching für die Münchner Universitäten bereitgehalten wird. Dieser Ausflug ergänzte sehr sinnvoll die vielen theoretisch-praktischen Anwendungen der Summerschool um den wichtigen Aspekt der Versorgung mit IT-Services.

Blick vom LRZ Richtung Süden

Blick vom LRZ Richtung Süden

Am fünften und letzten Tag wurde vormittags die Kurse über XML sowie relative Ausdrücke weitergeführt. Nachmittags folgte dann als Abschluss der Summerschool eine Podiumsdiskussion mit Vertreter_innen der BSB München, dem Collegium Carolinum, der Historischen Kommission München, dem Deutschen Museum und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In ihrem Eingangsstatement betonte Lilian Landes (BSB München), dass die Digital Humanities eine Scharnierfunktion zwischen der jeweiligen Fachdisziplin und der Informatik haben sollten. Zugleich problematisierte sie das Problem der Doppelentwicklungen, infolge dessen „das Rad neu erfunden wird“. Dabei wäre es wünschenswert, dass die durchgeführten Projekte zugleich eine größere Nachhaltigkeit aufweisen würde, zumal sie nach jeweiligen Projektförderung meist nicht mehr weiter gepflegt werden. In diesem Kontexte fragte Johannes Gleixner (CC) was Daten sind, die ein Forscher in den Geisteswissenschaften publizierten müsse? Darauf bezogen plädierte Dr. Karl-Ulrich Gelberg (HistKom) für gemeinsame Standard bei der Retrodigitalisierung. Georg Hohmann (DH) stellte die Grundsatzfrage, was Digital Humanities überhaupt sind – ist es Service oder schon Forschung? In diesem Zusammenhang monierte er, dass bis jetzt wenig wirkliche Projektarbeiten von Geisteswissenschaftler und Informatikern gemeinsam durchgeführt werden. In dem letzte Beitrag des Podiums betonte Arnold Eckart (BAdW), dass in den Digital Humanities häufig die Geschlechter ungleich verteilt seien. Dieses Gender-Problem gelte es zu beheben. In der gemeinsamen Diskussion von Plenum und Podium wurde häufig das große Vermittlungsproblem der Digital Humanities betont. Zugleich wurden auch die Vorteile der Digital Humanities bekräftigt, beispielsweise die „Nachkorrigierbarkeit“ von Publikationen im Netz. Das Credo des Münchner Kunsthistorikers Hubertus Kohle „publish first, filter later“ fand dabei bei vielen Anschluss. Unklarheit bestanden hingegen über die Zukunft der Digital Humanities. Während eine Seite prognostizierte, dass die Digital Humanities selbst verschwinden und im jeweiligen Fach aufgehen werden, sahen andere Teilnehmer_innen diese Entwicklung nicht. Weitgehende Einigkeit bestand jedoch über die Aussage, dass man in Zukunft als Fachhistoriker_in viel mit digitalen Werkzeugen arbeiten wird, man zugleich aber keine DH-Fragen stellen muss.

Diese Summerschool zu den Digital Humanities war die erste der Münchner Kooperationspartner. Sie war ein großer Erfolg und viele Teilnehmer_innen war begeistert von dieser Woche. Mich persönlich hat diese Summerschool sehr zum nachdenken angeregt, im positiven Sinne. Es bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass dieses Format verstetigt wird und sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in diesem Feld weitere Bildungsangebote etablieren werden.

[1] Ausschreibungstext der Summerschool, siehe http://dhmuc.hypotheses.org/summerschool_2015.

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