Was lässt sich im Osten für den Westen finden?

Pures Verkehrschaos, dem Bahnstreik im letzten Oktober war nicht zu entkommen. Ich war für zwei Wochen in der deutschen Hauptstadt um in verschiedenen Archiven zu recherchieren und dann das. Meine Unterkunft im Süden von Berlin, verkehrsstrategisch günstig an der S25 gelegen, erwies sich als denkbar schlechter Ort, um während den Streiktagen durch die Metropole zu fahren. Aus der Not lässt sich manchmal eine Tugend machen, für mich wurden die Andrews Barracks das naheliegende Ziel. In der ehemaligen Preußischen Hauptkadettenanstalt aus dem 19. Jahrhundert, später die Kaserne der Leibstandarte SS Adolf Hitler und ab 1945 dann Dienstort vieler amerikanischer Soldaten in West-Berlin, befindet sich heute der Standort Berlin-Lichterfelde des Bundesarchivs. Die Akten aus der ehemaligen DDR, deren Parteien und Massenorganisationen werden dort archiviert.

Da das Bundesarchiv nur einige Fussminuten von meiner Unterkunft war, der Bahnstreik den öffentlich Nahverkehr quasi zu erliegen brachte und zuhause keinen guten Arbeitsplatz hatte, beschloss ich notgedrungen nach eventuellen Quellen für mein Promotionsthema zu suchen. Die zentrale, aber natürlich improvisierte Fragestellung für mich war dabei, welche Erkenntnisse könnten sich in den Akten des Amts für industrielle Formgebung für meine Arbeit finden lassen? Das Stichwort, welches mir vorschwebte war „Parallelüberlieferung“. Mir war bekannt, dass das Internationale Designzentrum (West-)Berlin, der Rat für Formgebung und das Amt für industrielle Formgebung ab Mitte der 1970er Jahre regelmäßig in Kontakt standen und ab den 1980er Jahren auch wechselseitige Besuche sowie Ausstellungen organisierten. Dass zu all diesen Ereignissen und Entwicklungen sicherlich Akten angelegt wurden, war naheliegend.

Das Bundesarchiv hat vor einiger Zeit ein neues Online-Recherche-Werkzeug entwickelt: Invenio. Vorrecherche und Bestellung ließen sich darüber problemlos und einfach tätigen. Ich war damit rundum zufrieden – laut Saalauskunft war ich damit aber eine große Ausnahme. Vor Ort konnte ich dann in der Tat einige Archivalien des Amts für Formgebung beispielsweise zum Rat für Formgebung, dem Internationalen Designzentrum Berlin oder den Treffen des International Council of Societies of Industrial Design (ISCID) finden.

Mit etwas Abstand habe ich für mich folgende Schlüsse aus meinem Aufenthalt im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde gezogen: 1. im AiF wusste man sehr gut über die bundesdeutschen Designentwicklungen Bescheid. Die Sammlungen von Zeitungsausschnitten, Preisausschreiben und Presseinformationen waren vielfältig. 2. Angehörige des AiF besuchten regelmäßig Veranstaltungen und Ausstellungen des IDZ Berlin. Laut internen Sofortberichten engagierte man sich zwar kaum an Diskussionen etc., jedoch alle Neuerungen, Trends und Entwicklungen aus dem „nicht-kapitalistischen Ausland“ wurden aufmerksam notiert. 3. Für Warenproben fuhren regelmäßig Mitarbeiter_innen über die Sektorengrenze, um in westdeutschen Kaufhäusern verschiedene Warenproben zu nehmen, wie beispielsweise Kinderspielzeug oder Kunststoffdosen. Das AiF versuchte auf diese Weise Studienmaterial für ostdeutsche Designer zu gewinnen. Skurril wirken dabei etwas die „Warenproben“ kurz vor Weihnachten. 4. Die Papierberge, die produziert bzw. eher beschrieben wurden, waren und sind riesig.

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