„Design – Vorausdenken für den Menschen“ 1984 – Zu Gast bei Verwandten

Die innerdeutsche Mauer war für einen Designaustausch nicht so durchlässig, wie man vordergründig erwarten würde. 1984 kam es zu einer innerdeutschen Primäre: im Kontext des gegenseitigen Kulturaustauschs präsentierte der Rat für Formgebung eine Ausstellung zu westdeutschem Design in Ost-Berlin und später 1985 auf der Leipizger Herbstmesse. Dies war die erste Vorführung von deutschem Design in dem „anderen Deutschland“. Unter dem Titel „Design – Vorausdenken für den Menschen“ kamen ca. 100.000 DDR-Bürger_innen, um sich über industrielles Design aus der Bundesrepublik in der Ausstellungshalle des Internationalen Handelszentrums in (Ost-)Berlin zu informieren. Der Spiegel zitierte dazu halb herablassend halb anerkennend zwei Besucher: „“Da könn‘ unsre noch wat lernen“, meint ein junger Mann im Parka, „det ist nich so piefig.“ Und seine Begleiterin bedauert: „Ankucken könn‘ wa, aba koofen is neese.““

Leipzig Herbstmesse 1985: Staatssekretär Prof. Dr. Martin Kelm eröffnete im Dimitroff-Museum die Design-Ausstellung aus der BRD, Bundesarchiv, B 145 Bild 183-1985-0903-116, von Waltraud Grubitzsch, CC-BY-SA 3.0

Martin Kelm als Leiter des Ostberliners Amts für industrielle Formgebung der DDR (im Bild am Mikrophon) und der Präsident des westdeutschen Rats für Formgebung Philip Rosenthal (im Bildzentrum mit schwarzem Hemd) sprachen jeweils die einleitenden Worte zu dieser Ausstellung. Rosenthal betonte dabei in seiner Rede, dass trotz unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Meinungen in beiden Staaten, das AiF und der RfF wegen der Förderung einer guten Form „Alliierte im Design“ seien. In der Tat funktionierte die Zusammenarbeit bei dieser Ausstellung zwischen AiF und RfF reibungslos.

Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in (Ost-)Berlin fasst die Ausstellung in einem Schreiben an das Bundeskanzleramt bzw. Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen wiefolgt zusammen: „Das Interesse an der Ausstellung war groß; sie wuchs sich aber nicht zu einem spektakulären Ereignis aus. Die Präsentation blieb sachlich-unprätentiös und wirkte in keiner Weise protzig oder überheblich. Es ist anzunehmen, dass diese Haltung gerade angesichts des Vorsprungs des Industriedesigns in der Bundesrepublik Deutschland von der DDR genau zur Kenntnis genommen wurde.“

Für die Bundesrepublik war diese Ausstellung ein großer Erfolg der Deutschlandpolitik, für die DDR war es ein gelungener Kulturaustausch. Daher wurde im Gegenzug zu dieser Ausstellung 1988 im Stuttgarter Design-Center die Ausstellung „Design in der DDR“ gezeigt.

DDR- und BRD-Design – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

In aktuellen Debatten rücken Gemeinsamkeiten im Design aus West- und Ostdeutschland verstärkt in den Fokus. Eine Sammlungspräsentation zu dieser Thematik beschäftigt sich derzeit im Neue Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg, in Kooperation mit der Neuen Sammlung München. Ziel dieser kleineren Ausstellung ist es zu zeigen, welche Gegenstände links und rechte der „Mauer“ ganze Generationen prägten.[1] Dabei soll „nicht nur eine Zusammenschau vergleichbarer, gestalterischer Lösungen und übergreifender Phänomene, sondern auch Einblicke in unterschiedliche Herangehensweisen“ entstehen.[2]
Das NMN präsentiert in einem Raum insgesamt 88 Objekte aus Ost und West, sortiert nach sieben Themengebieten. Neben „Klassikern“ des Designs wie Nich Roerichts TC 100-Hotelgeschirr oder Mart Stams Werkstattstuhl werden viele weitere Gegenstände zur Schau gestellt, die mitunter weniger bekannt sind. Alle Objekte verbindet, dass sie – so die Kurator_innen – den Alltag eines Konsumenten prägten.

Blick auf die Sektion der Tisch- und Hängelampen, Photo von Yves Vincent Grossmann

Bei der Aufstellung der jeweiligen Gegenstände fällt auf, wie wenig sich die gefundenen Designlösungen aus Ost und West teilweise unterscheiden. Welche Kaffeemühle, Tischleuchte oder Schreibmaschine mit oder ohne „Made in West-Germany“ produziert wurde, lässt sich heute auf den ersten Blick kaum noch zielsicher sagen. Es gelingt den Ausstellungsmachern dadurch bei vielen Alltagsgegenständen zu zeigen, wie vergleichbar das Design aus DDR und BRD teilweise war. Wenn man sich dabei die Aussage von Martin Kelm in Erinnerung ruft, dass es nur ein „Design im Sozialismus“ und kein „sozialistisches Design“ gäbe, dann lässt sich diesbezüglich in der Sammlungspräsentation dazu wenig finden. Vielmehr bekommt der Betrachter den Eindruck vermittelt, es gäbe nur „ein“ deutsches Design – unabhängig von dem jeweiligen Wirtschaftssystem. Selbstverständlich ist dies nicht das Ziel der Kurator_innen aus Nürnberg und München.

Blick auf die Sektion der Küchenobjekte, Photo von Yves Vincent Grossmann

Die Ausstellung im NMN ist vielmehr ein interessanter Beitrag zur Frage, welche Gemeinsamkeiten und Divergenzen im Design von Ost und West erkennbar sind. Wurden während dem Systemkonflikt eher die Unterschiede betont, so werden seit den 2000er Jahren häufig die einigenden Elemente hervorgehoben. Es besteht bei dieser Darstellung rasch die Gefahr, Verbindendes oder Unterscheidendes zu stark zu betonen. Die Ausstellung in Nürnberg positioniert sich interessanterweise dahingehend, dass sie Gemeinsamkeiten stärker betont. Ob sich diese Deutung verallgemeinern lässt, müssen weitere Studien zur deutsch-deutschen Designgeschichte zeigen.

[1] Internetseite zur Sammlungspräsentation: http://www.nmn.de/de/sammlung/aktuell-in-der-sammlung/east-and-west-ddr-brd.htm.
[2] Wandtafel zur Ausstellung.