Die Bibliothek des Rats für Formgebung für und in der Designgeschichte

img_7134Seit seiner Gründung 1951/52 war die Bibliothek für den Rat für Formgebung eine der zentralen Serviceeinrichtungen. Denn mit dem Gründungsbeschluss erhoffte sich der Bonner Bundestag eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit der westdeutschen Investitions- und Konsumprodukte. Gleichzeitig wurde die erste fachliche Leiterin Mia Seeger damit beauftragt, der sogenannten ,Guten Form‘ zum Durchbruch zu verhelfen und das gestalterischen Niveau in der noch jungen Bundesrepublik zu steigern. Die Bibliothek hatte hier die Aufgabe designspezifische Fachinformationen zur Verfügung zu stellen.

img_7062Der Bereich Bibliothek und Informationsservice in Darmstadt besaß für diese Aufgabe zwei wesentliche Funktionen. Ähnliche wie andere Bibliothek sollte internationale und nationale Fachliteratur aus dem Themenbereich Design systematisch gesammelt werden. Und gleichzeitig galt es diese zugänglich zu machen. Erstens geschah es in der üblichen Form, dass die Literatur als Präsenzbestand sortiert wurde und jedem Interessierten die Bibliothek offen stand. Besonders Studierende der nahen Werkkunstschule bzw. Fachhochschule Darmstadt nutzen dieses Angebot auf der Mathildenhöhe. Obwohl sich die Verantwortlichen beim Rat für Formgebung auch mehr Besucher aus der Industrie und anderen Designinstitutionen erhofften, kamen beispielsweise der überwiegende Anteil der ca. 600 Besucher 1975 von lokalen Bildungseinrichtungen.

© Rat für Formgebung/German Design Council

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Die zweite für eine Bibliothek weniger gängige Art der Informationszugänglichkeit waren die sogenannten Literaturhinweise bzw. die Design Bibliography. Die Mitarbeiter fertigten seit 1961 DIN-A-6 Karteikarten zu jeder Publikation an, welche vierteljährlich an Abonnenten – Privatpersonen aber auch Design-Institutionen – verschickt wurden. Als zusätzliches Hilfsmittel wurden die Karten mit Dezimalklassifikationen versehen und Indexlisten erleichterten dabei eine spätere Suche. Von 1966 bis 1975 bot der Rat für Formgebung seine Literaturhinweise als englischsprachige ,Design Bibliography‘ an.

© Rat für Formgebung/German Design Council

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Im Auftrag des Industriedesigner-Dachverbands war das sogenannte IIC (ICSID Information Center) für die Erstellung dieser internationalen Literaturkartei für ungefähr 1.000 Bezieher zuständig. Daneben unterhielt der Rat für Formgebung auch lange Zeit ein eigenes Dia- und Bildarchiv, welches besonders aus Produktphotographien bestand. Eine Designer-Kartei, in welcher sich alle Industriedesigner freiwillig eintragen konnte, sollte bei der Vermittlung von Aufträgen zwischen Designern und Industrie behilflich sein. Im Gegensatz zu den Literaturhinweisen wurde das eigene Bildarchiv und die Designer-Kartei vermutlich aufgrund von Personalknappheit seit Anfang der 1980er Jahre kaum noch gepflegt. Alle drei Serviceeinrichtungen bieten jedoch für eine bundesdeutsche Designgeschichte eine kaum zu überschätzende Quellenbasis. Zumal heute die Stiftung Deutsche Design-Museum den großen Verdienst hat, diese kostbaren Bestände systematisch und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Für zukünftige designhistorische Forschung bietet daher diese Sammlung viele neue Zugänge und Funde.

© Rat für Formgebung/German Design Council

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Die Sammlungstätigkeit im Bereich der gedruckten Literatur zeichnete sich auch dadurch aus, dass die Bibliothek des Rats für Formgebung im Kalten Krieg auch über die sogenannten Systemgrenzen hinweg Literatur bezogen. Zeitschriften wie das sowjetische Zentralorgan „Техническая Эстетика“ des Allunions Instituts für technische Ästhetik in Moskau oder die Zeitschrift „form + zweck“ des Ostdeutschen Amts für industrielle Formgebung wurden lückenlos in Darmstadt gesammelt. Daneben wurden etliche weitere Monographien, Kataloge oder Magazine aus Polen, Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei in die Bibliothek übernommen. Westliche Literatur aus Frankreich, Großbritannien, Italien oder den USA wurden ebenfalls vom Rat für Formgebung in die Bibliothek integriert. Ebenso bemühte sich der Vorstand des Rats bei der Geschwister-Scholl-Stiftung um die Übernahme der ehemaligen HfG Ulm-Bibliothek nach Darmstadt. Der Ulmer Oberbürgermeister entschied sich jedoch diese Bibliothek leihweise der Universität Ulm zur Verfügung zu stellen.1 Durch den sukzessiven Ankauf von Fachliteratur wuchs die Bibliothek des Rats für Formgebung im Laufe der Jahrzehnte zu der führenden Designbibliothek in der Bundesrepublik. So standen den Besuchern beispielsweise im Jahr 1987 ca. 4.500 Bücher, 140 Zeitschriften mit ungefähr 1.500 Jahrgängen und über 10.000 Literaturhinweise zur Verfügung.2

© Rat für Formgebung/German Design Council

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Nicht ganz ohne Selbstlob titelte daher die eigene Zeitschrift ,design report‘ schon Ende 1972, dass die Bibliothek des Rats für Formgebung als ein der „bestorganisiertesten Design-Bibliotheken der Welt“ galt und auf Empfehlung der UNESCO in die internationale Statistik für Fachbüchereien aufgenommen wurde.3 Und bis heute ist diese Bibliothek einer der zentralen Orte für die Recherche bezüglich der bundesdeutschen Designgeschichte. Mit der langjährigen Leiterin Helge Aszmoneit befindet sich die Bibliothek seit 1987 in äußerst kompetenten und zuvorkommenden Händen. Die dortige Hilfsbereitschaft und Arbeitsmöglichkeiten lassen diese Literatursammlung bei dem Frankfurter Messeturm zu einem kleinen designhistorischen Forschungszentrum werden. Sämtliche bibliographischen Angaben und Signaturen können über den Frankfurter Bibliotheksverbund online vorrecherchieren werden. Und da die U-Bahnanbindung zum Hauptbahnhof mit knappen 5 Minuten äußerst kurz ist, sind auch Anreisen außerhalb des Rhein-Main-Gebiets jederzeit ohne Probleme möglich. Bei Bedarf können die örtlichen Kopierangebote benutzt werden, schlichte Notizphotographien sind ebenfalls möglich. Ebenfalls für Forscher_innen nicht unerheblich ist die Verpflegungsmöglichkeiten vor Ort. Ein großes Einkaufszentrum, keine 5 Minuten zu Fuß entfernt, bietet eine breite kulinarische Auswahl, sodass auch diesbezüglich keine Wünsche offen bleiben.

© Rat für Formgebung/German Design Council

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Für jede_n Designhistoriker_in mit dem Forschungsschwerpunkt auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist daher ein Besuch in der Bibliothek des Rats für Formgebung eine große Bereicherung.

1) Protokoll zur Vorstandssitzung des Rats für Formgebung vom 12.7.1973, S. 6f.
2) Aszmoneit, Helge (1987): Die Design-Bibliothek im Rat für Formgebung, in: design report (1), S. 19.
3) Unbekannt (1972): Eine der besten Design-Bibliotheken der Welt, in: design report, vom 08.12.1972.

 

Vielen herzlichen Dank an den Rat für Formgebung und besonders Helge Aszmoneit für die Unterstützung und für die  Abbildungen.

«Som en gjesteforsker i Norge» or Being a Visiting PhD Fellow in Norway

This fall I had the great honour to be a Visiting PhD Fellow at the University of Oslo for two month. Thanks to Professor Kjetil Fallan – one of the leading design historians – the Department of Philosophy, Classics, History of Art, and Ideas offered me the opportunity to come to the capital city of Norway.

Kjetil Fallan is a Norwegian professor of design history, e.g. editorial board member of the Journal of Design History and the Design and Culture as well as an author of many publications about design history. His books, papers, and presentations are very inspiring for me and I used a lot of his publications in my PhD thesis. For example his last publications from this year are Designing Worlds: National Design Histories in an Age of Globalization and Designing Modern Norway: A History of Design Discourse, which I used in chapter on globalised design. I met Fallan at the workshop “Environmental Histories of Design” in the summer 2015 at the Rachel-Carson-Center in Munich. This intensive workshop about sustainability in design history was really inspiring for me (see my blogpost about the workshop). I think the same will be for the annual conference of the Design History Society, which will be held 2017 in Oslo. The title is “Making and Unmaking the Environment” and is organised by Kjetil and his team.

Against the background that I had studied twice abroad with a lot of good experiences, it was obvious for me to visit another university outside of Germany during the PhD project. And it was also consistent to combine this with writing my chapter about the West German Industrial Designers in a globalised world. Because of Fallan’s high quality research, as well as Norwegians‘ high fluency in English, I decided to apply for a research fellowship in Oslo. And happily, the department at the UiO were willing to invite me and offered me working space for two month.

Getting financial support for my Norway stay was also possible. Thanks to the Friedrich-Ebert-Foundation, which supports my PhD project since 2014, it was not too complicated to get extra money for my visit. If this way would not be successful, there were also a possibility for Germans to apply at the Willy-Brandt-Foundation in Oslo, because they are also supporting academic exchanges for researchers. It would also be possible to apply for a short visit scholarship from the German Academic Exchange Service.

Beside the whole organisation of my visit in Oslo, there was one detail I was really astonished about in a positive manner. All correspondence, contracts, and inquiries were in a digital form. Furthermore my impression was that everything went on quite fast. For example “digital” and “fast” are not adjectives I would use for the German bureaucracy, especially at universities. That is a good thing to show, that in Germany e.g. a lot of time and energy is invested in discussions on a digital life – and in Norway many things are made more pragmatic in this point. Or to reflect one self and use the word from an interview with foreigners in Germany: “Paper in Germany is valued like God”.

The art history section, where Professor Kjetil Fallan and his colleagues are working, is part of the Department of Philosophy, Classics, History of Art and Ideas – or the short form in Norwegian “IFIKK”. The department itself is situated at the Campus Blindern, in the Georg Morgenstiernes hus. This 1960s red brick building was renovated a few years ago, so the interior space is quite new and very delightful. At the first day I was kindly welcomed by everybody and I got a working space with two other nice PhD students from art history in the room. Also I received an access card and a room key, to be able to work outside the main working hours or at the weekend. Get a room, card and keys as an external founded PhD student at the LMU in Munich, I have not heard that this has happened. Thus, these small details can demonstrate what kind of appreciation and attention in Norway is given towards scientists, PhD students and guests.

Georg Morgenstiernes hus

All the art historians in the department where very kind and open towards me, especially Kjetil and his PhD students Ingrid, Ida, and Gabriele integrated me so thoughtfully. Also new and remarkable for me was in which way the university is caring for the employees. Every Monday a huge basket with a variant of fruits were delivered. A fully-automatic coffee machine was also free for use. Also home office, part time or parental leave are not extraordinary, in Norway they are already ordinary. Getting a kindergarden place in Norway is not a lottery game, like it is in Munich. So everything gave the impression, that one looks with care after its employees. In comparison to a German higher education institution and the German sciences system, the difference catches the eyes.

In this great atmosphere, it was possible for me to write my chapter about West German industrial designers and their discourses about globalisation. Besides that, I was also able to write a short paper about the special German-German design relations in the Cold War. In comparison to German PhD seminars, the Norwegian procedure is more a text discussion. Thus, this means more writing an article and only giving a brief presentation, followed by a comprehensive discussion. I had the feeling, this procedure has some advantages. Because first, the author has a text, on which s/he can work and e.g. re-write parts to make it better. And second the audience can prepare itself and do not have to listen to over-length presentations. I was very pleased with the seminar and all the questions, comments, and tips I got on my text. Thus, perhaps I can keep working on the text, when I am back in Germany. With some luck, I will find a place to publish these results.

For living, there is a possibility to apply for researcher housing at the student welfare organisation for students in Oslo (SiO). In my case it was a furnished, small room in the Sogn student village, next to the Blindern Campus. It was ok to stay there for two months, but in the end, I cannot recommend it. Because the SiO has housing “quality”, “services” and invoices, which are not in a balanced proportion. Unfortunately the housing market in Oslo is as bad as in Munich. So you need quite a large portion of luck to find something that is fitting, affordable, and not behind the bushes. Beside the fact that the costs of living in Norway are as high as their reputation. In comparison to Munich – which is the most expensive city in Germany – I would guess that you have to spend about 30% more for food and the daily life. So with the German salary for PhD students – which is also low in Germany itself – you really have to live economically and fugally.

The regional office of the Friedrich-Ebert-Foundation is more focused on Sweden. Norway or Oslo are unfortunately not their main focus. But beside this, the Goethe-Institute in Oslo is organising a couple of interesting events in Norway’s capital city. Especially the podium discussions e.g. about the phenomena of populism, held in the Litteraturhuset, was really worth attending. I also can recommend the Opera House, the National Museum and the Vigeland Museum together with the Vigeland Park in Oslo. Trips to Bergen, Kristiansand, and Lillehammer are also good to make by train and a tip in every travel book. Also Stockholm is not so far away, a high-speed train brings you there in less than five hours.

Thus, thanks to Kjetil, Ida, Ingrid, Gabriele, Gustav, Anne Lise, Aron, Ellif, Espen, Heidi, Lars, Lena, Nikita, Panagiotis, Pia, and all other IFIKK-members for great two month in Oslo!

And I wish all of you a great Christmas time and a happy new year!

 

The Design Archives at the University of Brighton

This summer I was able to make a research in the Design Archives at the University of Brighton. After attending the conference on the 50s anniversary of the Design Research Society (see my report), I stayed longer in Brighton to visit the Design Archives.

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Brighton pier and the sea

This institution is one of the most important, paper based archives for design history. It was founded in the 1990s and contains of about twenty different archives, which cover aspects of graphic, furniture and industrial design. Financed by the government and private foundations, the archive is collecting different types of documents related to design. And it is not a coincidence that Brighton keeps such a great institution. One hour far away from London at the channel, the University of Brighton is one of the leading institution in Great Britain within the field of the design histories.

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Entrance to the Design Archives at the University of Brighton

As in every other archive, you have to ask for an appointment and as well for a permission, to see contemporary material. Via email or by phone it is easy to contact the very helpful staff of the archives. As a finding aid the archival items are listed in the online hub of UK archives. They store the description from about two hundred institutions in Britain, that keep historical documents. By this service it is quite easy to search and especially prepare your visit at an archive. I am asking myself why isn’t that possible for Germany or whole Europe?

Furthermore in the Design Archives it is allowed for users to take photographical notes from documents. This is not a reproduction, because you have to use your own camera and must cover the document with a plastic foliage with a good visible remark from the Design Archives. But anyway you have a picture of the document, so you can work on it at an later moment back at home. In my point of view it is a very good way to help the user and give security again right abuse for the archive. Again, why isn’t that possible in Germany?

My interest were the files in the ICSID archives, which came in 2007 from the University of Compiègne, where it was held on behalf of ICSID. In these papers I could see how the West German institutions – like the VDID, Rat für Formgebung or the IDZ Berlin – interacted with other industrial designers. And as a special German perspective it came clear to me that the ICSID was also an important battlefield in the Cold War. The delegates from East and West Germany i.e. at the conference 1975 in Moscow hand many discussion about the problems, how was allowed to come with which wording of the own state. Nevertheless this changed, and again Moscow was – in my point of view – the turning point. Because here it was the first time that industrial designer from East and West Germany came together. Keeping on this, I am arguing in my thesis that in the 1980s there was no iron curtain for some parts of the industrial designer at the inner German border anymore.

The Cold War is fortunately over, but parts of its memory are stored in the Design Archives. In Brighton, they do not only „store“ documents, they also conserve them. In an inspiring blog the staff is writing about their doings, so everybody can follow what a great job they do. Beside this a lot of thesis are written with sources from the Design Archives by many PhD students. The most important one for my research field is the project from Tania Messell about the history of the ICSID. I am really looking forward to that publication.

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The Design Archives at the University of Brighton also work on different exhibitions, i.e. about the history of the Design Research Society, that was presented parallel to the DRS2016. And it would be totally wrong calling the Design Archives old fashioned. They are open for digital tools on the internet – not like so many archives or museums in Germany. For example the Design Archives make a lot of documents online accessible, as well as many pictures in the VADS database. Furthermore the staff of the archive use a Flickr-account to give their masterpieces a stage on open access. It is also less surprising that the Design Archives use social media like twitter @design_archives to communicate.

Sign to the Design Archives

Sign to the Design Archives

To sum up: Visit to the Design Archives at the University of Brighton, for design historians it is really worth to go there!

Robert Gutmann: Ein deutsch-britischer Industriedesigner

Der Industriedesigner Robert Gutmann wurde am 18.04.1910 in Augsburg geboren. Er studierte Architektur und Innenarchitektur an der Kunstgewerbeschule Stuttgart und war dort Meisterschüler bei Adolf Schneck. 1935 ging Gutmann nach Berlin und wirkte bis 1937 als selbstständiger Innenarchitekt. Bis 1939 arbeitete er in dem Berliner Büro von Fritz August Breuhaus de Groot. Im Juni 1939 flüchtete Gutmann und seine jüdische Frau nach England vor den Verfolgungen in Deutschland. Gutmann arbeitete dann viele Jahre in der Planungsabteilung des Automobilunternehmens Jaguar bei Conventry. Nach dem 2. Weltkrieg schloss sich Gutmann der Design Research Unit um Misha Black in London am Royal Collage of Art sowie dem „Studio 2“ in Wien an. Er wurde später in Großbritannien wegen seiner Verdienste als Industriedesigner und Hochschullehrer zum „Fellow of the Society of Industrial Artists“ ernannt (SIA).

Gutmann führte in London und später ebenfalls in Stuttgart – in Zusammenarbeit mit Arno Votteler – ein selbstständiges Design-Büro, das auf die Inneneinrichtung von Läden, Restaurants, Büros, Ausstellungsräumen und Sitzungssälen spezialisiert war. Er kam seit 1953 immer wieder in die Bundesrepublik Deutschland und engagierte sich bei westdeutschen Designinstitutionen. Neben seiner Arbeit als Produktdesigner war er ebenfalls als Designberater für viele verschiedene Firmen in Westdeutschland, der Schweiz, Österreich und Schweden tätig. Beispielsweise entwarf er für die planmöbel GmbH.

Schreibtisch der Studie 60, Planmöbel Eggersmann, Design von Arno Votteler, 1962, Abbildung von Arno Votteler, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Von 1968 bis 1973 war Gutmann fachlicher Leiter des Rats für Formgebung. Daneben war er von der Gründung 1969 bis Ende 1973 der fachliche Leiter des Internationalen Design-Zentrums in (West-)Berlin. Beim Rat für Formgebung hatte Gutmann u.a. dem Bundespreis „Gute Form“ 1969 eingeführt und zu dem zentralen bundesdeutschen Designpreis geführt. Parallel dazu entwarf er von 1969 bis 1971 zusammen mit Arnold Bode das Konzept einer international Design-Ausstellung, die als „Design-Expo“ 1972 parallel zu den Olympischen Spielen in West-Berlin hätte gezeigt werden sollen, von der sowjetischen Militäradministration jedoch verhindert wurde. Gleichzeitig zu solchen Aktivitäten war Gutmann Dozent am Royal College of Art in London, Gastdozent am Farbpsychologischen Institut in Salzburg und hatte einen Lehrauftrag für Gestaltungslehre an der Technischen Hochschule Wien.

Robert Gutmann war ein Industriedesigner, der nach dem 2. Weltkrieg verbindend zwischen bundesdeutschen und britischen Gestaltern agierte. Sein Bericht von 1954 „Aus dem Tagebuch eines Designers in England“ (Bauen + Wohnen [9/3], S. 135-136) ist nur ein anschauliches Beispiel hierfür. Da er sowohl in Großbritannien als auch in Westdeutschland in Fachkreisen erfolgreich vernetzt war, bildete er eine – bis jetzt von der Designhistoriographie – unterschätze ,Brücke‘ zwischen beiden Ländern. Für den Austausch von Fachdebatten war Gutmann einer der zentralen Persönlichkeiten. So orientierten sich beispielsweise die ersten VDID-Mitglieder bei der Verbandsgründung 1959 zuerst an der britischen Design-Definition, die über Gutmann zu Votteler und damit zu der Gründungsversammlung kam.

Gutmann verstarb am 22.08.1981 im Alter von 71 Jahren in London. Zu seinem Andenken wurde 1982 für einige Jahre der „Bob-Gutmann-Förderpreis für junge Designer“ an Teilnehmer der Design-Börse des Hauses Industrieform Essen vergeben.

Geographische Komponenten bei der Gründung des VDID 1959

Zwei Länder waren bei der Gründung des Verbandes der Deutschen Industrie-Designer: Baden-Württemberg und Großbritannien. Mit etwas „Wortkunst“ lässt sich daher formulieren, dass der frühe VDID von Entwicklungen in B(aden-Württemberg)&B(ritannien) geprägt war – wobei Bed&Breakfast für die tägliche Arbeit sicherlich ebenso von Bedeutung war. Der VDID wurde in zwei konstituierenden Sitzungen am 05. bzw. 17. April 1959 in Stuttgart gegründet. Diese Initiative für einen Berufsverband für alle Industriedesigner in Westdeutschland ging von einer Gruppe von Gestaltern in Baden-Württemberg aus. Es ist wenig verwunderlich, dass sich der Verband in der Landeshauptstadt am Neckar konstituierte und nicht an einem anderen Ort in der noch jungen Bundesrepublik. Denn der frühe VDID war von Personen aus dem Bindestrichland im Südwesten geprägt.

Die Mitglieder des ersten Vorstandes lebten Ende der 1950er Jahre im weiteren Umkreis von Stuttgart. In dem Vorstand wurden folgende Personen gewählt:
1. Vorsitzender: Hans Th. Baumann (Schopfheim in Baden),
Geschäftsführer: Günter Kupetz (Geislingen an der Steige),
Schriftführer: Arno Votteler (Stuttgart),
Schatzmeister: Erich Slany (Esslingen am Neckar),
ordentliches Vorstandsmitglied: Rainer Schütze (Heidelberg).1
Mindestens ebenso wichtig war die Teilfinanzierung durch das Landesgewerbeamt Baden-Württemberg. Besonders große Unterstützung im Bezug auf juristisches Fachwissen und Finanzmittel erfuhr der VDID in seiner frühen Phase durch den LGA-Präsidenten Josef Thuma und seinen späteren Nachfolger Karl Reuss.

Das zweite Land, welches prägend für die Gründung des VDID wurde, war Großbritannien. Die sieben Gründer des VDID wählten für ihren Verband nicht zufällig das Wort „Design“. Statt den damals üblicheren Begriffen wie „Formgebung“ oder „Gestaltung“ orientierten sie sich bewusst an Entwicklungen im angelsächsischen Sprachraum. Als Grundlage für die eigene Designdefinition wählte der VDID die Präzisierung von Paul Reilly (1912-1990) – langjähriger Mitarbeiter und Direktor des Council of Industrial Design in London – und nicht etwa den Alternativvorschlag eines Designverständnisses in Anlehnung an den US-Amerikaner Harold van Doren (1895-1957). Ausschlaggebend war auch, dass der weltweite Dachverband der Industriedesigner ICSID sich ebenfalls auf diese Definition von Industriedesign geeinigt hatte.

An diesem Beispiel Großbritannien wurde jüngst gezeigt, wie Designgeschichte und Digital Humanities konstruktiv zusammengebracht werden können. In ihrem Beitrag „Exploring the Disciplinary Reach and Geographic Spread of the British Design Professions 1959-2010“ zum Digital Humanities Congress von 2012 untersucht nämlich Leah Armstrong zusammen mit ihren Kolleg_innen die Entwicklung der britischen Designer seit Ende der 1950er Jahre. Mit Hilfe von computer-analytischen Werkzeugen bearbeiteten  sie Verbandsprotokolle, Mitgliederkarten und Publikationen auf und zeigen dadurch in ihrem Beitrag, wie die geographische und zeitliche Verteilung der CSD-Mitglieder war. Besonders interessant ist dabei, dass die Chartered Society of Designers als Nachfolgerin der Society of Industrial Artists and Designers (SIAD) alle Formen von Designerberufen in sich vereinte. Im Gegensatz zu den bundesdeutschen Berufsverbänden sind daher alle Gestalterprofessionen in einem britischen Dachverband vereint und nicht wie beispielsweise beim VDID, BDG oder VDMD in separaten Verbänden. Armstrong et al. zeigt zusätzlich über ein „Heat Map Visualisation“-Werkzeug, wie sich die CSD-Mitglieder zeitlich und geographisch über Großbritannien verteilten.

Heat Map zur Verteilung britischer Werbedesigner

Wenig überraschend bildet hierbei der Großraum von London das Zentrum. Würde man ein solches Projekt beispielsweise für den VDID durchführen, so wäre ein solches Zentrum – wie oben – angedeutet  in der Frühphase aller Wahrscheinlichkeit nach Stuttgart.

1) Informationen für die Mitglieder des Verbandes DID, Nr. 1. vom November 1959, S. 1.